Von Ingo Pietsch

Halbzeit. Ich hatte die Hälfte meiner täglichen Fahrradtour hinter mich gebracht, als ich in die Bahnhofstraße einbog.

Die Straße war sehr lang, führte sie doch durch die Hälfte der Innenstadt.

Ich fuhr dieses Teilstück meiner Strecke gerne, da es bergab ging und ich nicht viel treten musste, bevor ich mich wieder anstrengender wurde.

Vier Spuren taten sich vor mir auf. Zwei mündeten nach links, eine geradeaus und eine nach rechts.

Ein Grünstreifen trennte die Straße von der Gegenfahrbahn ab.

Heute morgen war es recht frisch und nebelig, aber mit meiner atmungsaktiven Thermokleidung fror und schwitzte ich kaum.

Anfangs war ich noch mit Jogginghose und Kapuzenpulli gefahren. Doch nachdem ich mir fast eine Lungenentzündung wegen der nassen Klamotten zugezogen hatte, war ich bereit gewesen, mehr Geld in meine Fitness zu investieren.

Und die Investition hatte sich gelohnt: Schon nach wenigen Wochen waren die Funde gepurzelt und die Muskeln gestärkt.

Obwohl ich die hautenge Kleidung immer noch etwas albern finde, möchte ich sie nicht mehr missen.

Rot mit gelben Streifen.

Meine Frau schenkte mir noch einen Helm dazu: Auch in rot, mit gelben Blitzen. Ein Unikat.

Ab da an nannten mich alle nur noch den den roten Blitz.

Na ja, auf die eine oder andere Weise stach wohl jeder aus der Menge heraus.

Ich hing meinen Gedanken nach und ließ mich nach dem letzten Treten einfach rollen, als ich bemerkte, dass ich der Einzige auf meiner Spur war.

Auf den anderen drei hatte sich ein Stau gebildet.

Ich drehte mich um – auch hinter mir war niemand – bis ein Rettungswagen aus dem Nebel auf mich zukam. Erst nur mit Blaulicht, dann schaltete er seine Sirene ein.

Ich bremste scharf und trug mein Fahrrad auf den Grünstreifen.

Der Rettungswagen rauschte vorbei und verschwand wieder im Nebel.

Ich schaute nach Rechts, aber es folgte kein weiteres Fahrzeug.

Ich wollte wieder aufsteigen, als ich einen kleinen Jungen bemerkte, der mich hinter der Scheibe eines Mini-Vans anglotzte.Er wirkte ängstlich, wahrscheinlich hatte ihn die Sirene erschreckt.

Ich lächelte und winkte ihm freundlich zu.

Doch der Junge erwiderte meine Geste nicht, sondern zuckte zusammen und rutschte tiefer, sodass ich nur noch seine Augen sah.

Ich dachte mir dabei nichts weiter und schwang mich wieder auf mein Rad.

Die Straße war wie gesagt sehr lang und da es so diesig war, konnte ich das Ende nicht sehen und wusste auch nicht genau, was den Stau verursacht hatte.

Wahrscheinlich ein Unfall, sonst wäre ja kein Rettungswagen vorbeigefahren.

Mit einem Mal tauchte auf dem Grünstreifen ein kräftiger Kerl im Blaumann auf. Er war ganz blass im Gesicht, seine Beine waren durchsichtig und er wirkte teilnahmslos.

Ich passierte ihn und als ich mich nochmals umschaute, war er verschwunden.

Ich schüttelte den Kopf. Jetzt sah ich schon Gespenster.

Dann stand dort eine junge Frau mit gesenktem Kopf, sodass ihr Haar im Gesicht hing. Ihre Kleidung war zerrissen und blutig.

Diesmal hielt ich und sprach sie an: „Alles in Ordnung mit Ihnen?“

Sie schaute auf und ich schreckte zurück: Ihre Nase war gebrochen und Blut lief von ihrer Stirn in Gesicht.

„Ich hole Hilfe“, stotterte ich und wollte mich den Autos zuwenden.

Mich wunderte plötzlich, dass sonst niemand anderes auf die Frau aufmerksam geworden war.

„Ich bin sofort wieder da!“

Ich ging los, sah zurück und die Frau war weg.

Ich knetete meine Stirn. Was nur los mit mir? Phantasierte ich?

Ein Schauder lief mir über den Rücken.

Ich wollte so schnell wie möglich von hier weg und fuhr weiter.

Nach kurzer Zeit kam ich zur großen Kreuzung, die sich schon durch bläuliches Licht mehrerer Rettungsfahrzeuge ankündigte. Es hatte eine Vollsperrung gegeben und überall liefen Feuerwehrleute, Rettungssanitäter und Polizisten herum.

Ein LKW stand quer, davor ein Müllwagen. Ein Kran zog gerade die beiden Fahrzeuge auseinander.

Dazwischen war ein Kleinwagen verkeilt.

Ein Feuerwehrmann kam auf mich zu und sah mir direkt in die Augen: „Aus bisher unbekannter Ursache machte der Müllwagenfahrer eine Vollbremsung. Eine junge Frau fuhr auf – sie erlitt beim herausschneiden einen Herzstillstand, ist jetzt wieder auf dem Weg zur Besserung und wurde wie durch ein Wunder nur leicht verletzt. Der LKW-Fahrer fuhr ihr hinten drauf und schob den Kleinwagen unter den Müllwagen. Den Fahrer haben wir schon aus dem Führerhaus befreit. So wie es aussieht sind seine beiden Beine vollständig zertrümmert. Ob sie zu retten sind, wird die Chirurgie klären müssen. Aber ich muss dir noch was zeigen.“

Ich fragte mich die ganze Zeit, warum der Feuerwehrmann, der mich ja überhaupt nicht kannte, so mit mir sprach.

Er ging zum Heck des Kleinwagens und zeigte mir, was er meinte. Unter dem Wrack leuchtete etwas rotes hervor.

Ich bückte mich, um es genauer erkennen zu können und erschauderte – es war mein Helm!

Ich tastete meinen Kopf und stellte fest, dass er an Ort und Stelle war.

Irgendetwas stimmte hier ganz gewaltig nicht.

Ich konnte auch noch einen Fahrradreifen erkennen. Einen Reifen meines Fahrrades.

„Man kann nicht erkennen, ob das Fahrrad im Kofferraum gelegen hat oder …. Auf jeden Fall sollten wir das genauer untersuchen.“

„Ok, wir brauchen ein Spreizer“, ertönte eine Stimme hinter mir.

Ich drehte mich und sah einen zweiten Feuerwehrmann.

Der andere hatte also gar nicht mit mir gesprochen, sondern mit seinem Kollegen.

War ich etwa unsichtbar?

„Hallo? Hört mich jemand?“, ich wedelte mit den Armen.

„Hast du diesen Luftzug gespürt?“, fragte einer der Rettungskräfte, die begannen das Auto zu zerlegen.

„Ja. Ist frisch geworden.“

„Nein, das fühlte sich irgendwie unheimlich an.“

Beide schüttelten die Köpfe und machten sich weiter an die Arbeit.

Ich taste mich ab und es fühlte sich echt an. So hatte ich mir ein Leben nach dem Tod eigentlich nicht vorgestellt.

Ich entfernte mich von der Unallstelle, weil ich gar nicht wissen wollte, was von mir übrig geblieben war.

Ich sollte meiner Frau Bescheid geben, dass ich noch da war oder sollte ich mich noch verabschieden? Aber wie?

Der Junge aus dem Mini-Van hatte mich gesehen! Mit dem könnte ich reden.

Anscheinend hatte ich wohl noch was zu erledigen, sonst wäre ich ja wohl schon weitergegangen oder so.

Vielleicht war ich jetzt auf ewig als „Ghost Rider“ unterwegs?

Aber es gab einen Gedenken, der mich am meisten bschäftigte: Hätte ich doch bloß was anderes angezogen!