Von Herbert Glaser

„Hier muss es sein.“ Tina blieb vor einem Schaufenster stehen und betrachtete die stilvoll dekorierte Auslage. 

Sabine stellte sich neben sie. „Das Geschäft kenne ich.“

Die Angesprochene warf ihr einen ungläubigen Seitenblick zu.

„Ich wollte damit sagen, dass ich schon oft hier vorbeigegangen bin. Schließlich wohnen wir nur drei Straßen weiter. Aber drin war ich noch nie.“

„Das hätte mich auch sehr gewundert! Sieh`dir mal die Preise an.“

„Nichts, was wir uns leisten können.“ 

Kopfschüttelnd sahen sich die beiden jungen Frauen an. „Wie kann das sein?“

„Keine Ahnung, vielleicht handelt es sich doch um ein Missverständnis.“

Beide starrten auf ein Stück Papier.

„Aber die Quittung ist eindeutig aus diesem Laden.“

„Dann sollten wir dem auf den Grund gehen.“

 

Die Beleuchtung des Verkaufsraums war dezent und unaufdringlich. Scheu tasteten die Blicke der beiden Frauen über den Inhalt zahlreicher Vitrinen.

„Guten Tag, meine Damen, wie kann ich Ihnen helfen?“

Erschrocken drehten sich die beiden zu einem Verkaufstresen, hinter dem ein hagerer Mann regungslos wartete.

Tina fasste sich. „Wir … wollten etwas fragen.“

„Dann treten Sie doch näher.“ Er machte eine einladende Geste.

Die Frauen stellten sich vor den gläsernen Ladentisch und musterten ihr Gegenüber.

Das Gesicht des etwa siebzigjährigen Mannes war mager, die aristokratische Nase etwas vorspringend, aber schmal und leicht gebogen, der Mund schön geschwungen, die Lippen verhältnismäßig schmal.

Tina holte den Zettel hervor und gab sie ihm. „Ist diese Rechnung aus Ihrem Laden?“

Er betrachtete aufmerksam das Papier. Seine Finger, so lang wie die eines Konzertpianisten, zeugten von Geschicklichkeit.

„Aber ja, diese Quittung habe ich selbst ausgestellt … erst letzte Woche.“

„Aber der Preis“, ergänzte Sabine, „das muss doch ein Fehler sein!“

Erneut blickte der Mann auf das Dokument. „Zehn Euro? Der Betrag ist absolut korrekt.“

Die Frauen sahen sich verständnislos an.

„Erinnern Sie sich denn auch an die Kunden?“

Ein Lächeln umspielte den Mund des Verkäufers. „Aber gewiss, ein sehr sympathisches junges Paar. Ihre Namen waren Maximilian und Katharina, wenn ich mich recht erinnere.“

Mit offenem Mund starrten sie den Mann an.

Diesmal war es Sabine, die sich aus der Starre löste. „Maxi und Kathi … ja, das sind unsere Kinder. Aber wie können Sie Siebenjährigen so etwas verkaufen?“ Aus ihrer Handtasche holte sie ein kleines, edel aussehendes Etui, stellte es auf die Glasplatte und klappte es auf. „Das ist doch von Ihnen, oder?“

Prüfend beugte sich der Mann zu dem Objekt und nickte. „In der Tat, es handelt sich hier um Ware aus unserem Bestand. Ist damit etwas nicht in Ordnung?“

„Nicht in Ordnung?“ Tina schrie fast. „Das hier ist ein Schmuckgeschäft, ein sehr teures, um genau zu sein …“

„Ich bevorzuge die Bezeichnung exklusiver Juwelier.“ Der Stolz in seiner Stimme war nicht zu überhören.

„Na gut, dann eben exklusiv und teuer.“

„Kein Grund zur Aufregung. Lassen Sie mich Ihnen erst einmal vorstellen.“

Der Mann ging um den Tresen herum und gab Tina und Sabine die Hand.

„Mein Name ist Aaron Friedmann und ich bin der Besitzer.

Mein Vater hat das Geschäft nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut und in den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts an mich übergeben. Seit einigen Jahren führe ich es zusammen mit meinem Sohn, der in der Werkstatt arbeitet“, er deutete zu einer Tür im hinteren Teil des Raumes, „und mich in einigen Jahren beerben wird. Durch ausnahmslos höchste Qualität und handgefertigter Schmuckstücke ist es uns gelungen, gegen die Billigkonkurrenz aus dem Internet zu bestehen.“

„Da haben wir es!“ Sabine deutete zu dem Etui. „Das ist doch bestimmt kein Modeschmuck, sondern echtes Gold.“

„Genau genommen handelt es sich dabei um bicolore Ringe aus Weiß- und Gelbgold mit 18-karätiger Legierung, hochpolierter Oberfläche und drei Diamanten. Unikate aus unserer aktuellen Kollektion.“

Tina musste sich kurz abstützen. „Wie kommen Sie dazu, unseren Kindern ausgerechnet so etwas zu verkaufen?“

„Nun.“ Und im Widerspruch zu dieser Ankündigung verging einige Zeit, bis er wieder zu sprechen begann. Friedmann ging wieder hinter den Tresen, nahm das Etui und betrachtete den Inhalt. „Die Beiden haben sich von mir beraten lassen und sich schließlich für diese Ringe entschieden – eine sehr gute Wahl.“

„Und der Betrag? Ich habe in Ihrem Sortiment nichts gesehen, was unter mehreren hundert Euro zu haben ist.“

„Das stimmt allerdings. Jedoch hatte Maximilian nur zehn Euro dabei, deshalb musste ich den Preis etwas anpassen.“

„Etwas anpassen?“ Sabine schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Wollen Sie uns auf den Arm nehmen? Wieso verkaufen Sie sündteure Ringe zu einem Spottpreis an Kinder?“

„Und warum“, ergänzte Tina, „noch dazu Ringe, die ihnen viel zu groß sind? Das sind Eheringe für Erwachsene!“

Lange sah Friedmann den Müttern in die Augen. „Ich verstehe Ihre Verwunderung und Sie haben natürlich eine Erklärung verdient. Ich werde meinen Sohn bitten, Kaffee für uns aufzusetzen. Wir machen sowieso in wenigen Minuten unsere Mittagspause und schließen den Laden. Dann können wir uns ungestört unterhalten. Was halten Sie davon?“

 

„Wissen Sie“, begann Friedmann, nachdem alle mit Kaffee versorgt waren, „ich habe in all den Jahrzehnten unzählige Eheringe an Paare verkauft und dabei gelernt, wie unterschiedlich die Menschen und ihr weiterer Lebensweg doch sind. 

Zum Glück überwiegen die positiven Momente. Glückliche Paare, die Ihre Liebe mit einem Stück aus unserem Haus besiegeln wollen.

Natürlich sehe ich nicht alle Käufer wieder, aber ein Teil unserer Kunden meldet sich nach einiger Zeit, um von Ihrem Glück zu berichten und sich zu bedanken.

Ich erinnere mich an ein älteres Paar, das Ringe für ihre Goldene Hochzeit erwerben wollte. Zu ihrer Vermählung hatten sie damals bei meinem Vater gekauft und freuten sich, dass unser Geschäft immer noch besteht. 50 Jahre später durfte ich den Beiden also noch einmal eine Freude machen. Das war einer der bewegendsten Momente.“

Die jungen Frauen hatten den Ausführungen gebannt gelauscht. Tina stellte ihre Kaffeetasse weg. Eine steile Falte grub sich zwischen ihre Brauen. „Das ist wirklich alles sehr interessant und schön zu sehen, wie Sie Ihren Beruf lieben. Aber ich verstehe immer noch nicht, was das mit unseren Kindern zu tun hat, tut mir leid! Wenn Sie schon so großen Wert auf Ihre Exklusivität legen, dann verstehe ich nicht, wieso Sie ihnen wertvolle Ringe für zehn Euro verkauft haben.“

„Leider kommt es immer wieder vor, dass einer der Partner – meist der Ehemann, der bezahlt hat – zu mir kommt und die Ringe zurückgeben möchte. Die Beziehung sei gescheitert und die Ringe werden nun nicht mehr gebraucht. Wir nehmen Ware aber grundsätzlich nur zurück, wenn die Schmuckstücke einen Mangel aufweisen, der auf uns zurückzuführen ist, was so gut wie nie der Fall ist. Leider kommt es dabei manchmal zu unschönen Szenen.“

Friedmann blickte kurz zu seinem Sohn, der ihm aufmunternd zunickte.

„Was Ihre Kinder betrifft: Noch nie hat mich eine Liebesbekundung zweier Menschen so berührt, wie die von Maximilian und Katharina. Ihre Gefühle füreinander sind rein und unverfälscht. Sie haben mir versichert, dass sie heiraten werden, wenn sie erwachsen sind. Deshalb verlangten sie auch keine Kinderringe, denn erst zur Vermählung wollten sie die Schmuckstücke anlegen.“

Friedmann beugte sich vor und sah Tina und Sabine in die Augen.

„Ganz ehrlich, meine Damen, wie hätte ich da Nein sagen können?“

Sabine blies die Backen auf. „Nun aber mal halblang! Sie erzählen hier irgendwas über Liebe und Heirat. Dabei handelt es sich um siebenjährige Kinder. Sie haben schon im Sandkasten miteinander gespielt und gehen jetzt zusammen zur Schule, weil wir zufälligerweise in derselben Straße wohnen. Glauben Sie wirklich, dass die beiden eine Vorstellung haben, was wahre Liebe ist. Wer weiß, ob sich ihre Wege nicht trennen.“

Friedmann lehnte sich zurück. „Ich hatte von reiner und unverfälschter Liebe gesprochen. Meiner Meinung nach ein großer Unterschied zu Gefühlen zwischen erwachsenen Menschen. Ich kann Ihre Bedenken aber durchaus nachvollziehen und bin kein Träumer. Ob sich Ihre Kinder tatsächlich ineinander verlieben, wenn in der Pubertät das andere Geschlecht interessant wird? Das halte ich für sehr unwahrscheinlich. Es gibt angeborene psychologische Mechanismen die verhindern, dass man sich in die Leute verliebt, mit denen man aufgewachsen ist, auch wenn man nicht blutsverwandt ist. Damit verhindert die Natur Inzest, denn in der Regel sind es eben Geschwister, die ihre Kindheit miteinander verbringen.“

„Dann ist mir erst recht unklar, warum Sie …“

„Weil mich dieser Moment so bezaubert hat. Zwei Kinder, die gerade mal so groß sind, dass sie über die Verkaufstheke sehen können, gestehen sich ihre Liebe – oder was sie dafür halten. Um diesen Augenblick perfekt zu machen, bin ich darauf eingegangen. Ein einmaliger Moment in meinem Leben, der sich kaum wiederholen wird. Sie sind immer noch skeptisch? Es tut mir leid, wenn ich Sie verwirrt habe. Lassen Sie mich einen Vorschlag zur Güte machen.“ 

Er deutete auf seinen Sohn. „Tobias wird die Ringe in unserem Safe verwahren bis Ihre Kinder volljährig sind. Danach können sie entscheiden, was damit geschehen soll. Sind Sie damit einverstanden?“

Unschlüssig sahen sich Tina und Sabine an.

„Ich hoffe, das Wort das Sie suchen ist Ja.“ 

 

Ende

Version 2