Von Lauretta Hickman

Als es klingelte, lief Kira das Wasser im Mund zusammen. Das hatte sie sich verdient.

Gleich zwei Hiobsbotschaften gab es heute zu verdauen: Der Steuerbescheid beschied ihr ein beleidigend lächerliches Nichts. Und kam so spät wie nie. Und ihre Teamleiterin ging komplikationsbedingt früher in Babypause. Kira als ihre Nachfolgerin durfte einspringen. Somit fiel ihr kleiner Solo-Italienurlaub ins Wasser. Und das alles an einem Freitag.
So hatte sie jetzt ein ganzes Wochenende, um sich zu ärgern.

Dann holte sie sich eben den Süden ins Haus! Mit ihrer Luxuslieblingspizza. Heute war einer der Tage, an dem ihr Lieblingspizzabäcker arbeitete. Bei ihm bestellte sie immer extra scharf. Er machte das mit einem Chiliöl, das hatte sie mal mitbekommen, als sie sich ihre Pizza auf dem Heimweg mitgenommen hatte. Er stellte das selbst her und es stand stets griffbereit in seiner „Zutatenstraße“. Exorbitant gut!

Sie beschloss, es sich schön zu machen. Nicht aus dem Karton zu essen, wenn auch der Duft aus getrocknetem Oregano, frischem Basilikum und rauchigem Tomate-Mozzarella-Mix Geduld und Sinne strapazierten. Sie hielt durch. Mit Kerzen, Stoffserviette, Einaudi aus den Boxen und einem guten und schweren Roten saß sie nun in ihrem Wohnzimmer und freute sich ungemein auf ihre „Sfiziosa“.

Der erste Bissen war köstlich. Aber sie vermisste etwas. Nach dem zweiten Biss war es klar: Schärfe! Kira überlegte kurz, die Pizza zurückzubringen und verwarf das zügig. Ihr fiel ein, dass sie noch ein kleines Glas Jalapeños im Regal hatte.
Damit ging es!

Die Pizza wurde so zügig wie genüsslich verspeist. Zufrieden, leicht „dinnernarkotisiert“ und etwas besänftigt lehnte Kira sich mit ihrem Weinglas zurück in ihr beiges Kuschelsofa. Okay, kein Urlaub. Zumindest nicht die nächsten drei Monate. Dass sowieso alles teurer wurde und sie somit Geld sparte, das sie vermutlich eh nicht hätte ausgeben sollen, war ein Trost, der lediglich ihren Verstand beruhigte. Wenn auch Teamleitung die bessere Position im Sales war: outgesourcte Beschwerdehotline im Inbound für Großkunden war einfach überhaupt! nicht! erfüllend.

Es war, wie es war. Sie wollte jetzt nicht an die Arbeit denken.

Was dann? Nach Fernsehen war ihr nicht.
Aber sie hatte Lust auf einen original italienischen Espresso. Und sie hatte noch Brownies von Petras Geburtstag eingefroren.

Als sie nach zwanzig Minuten und gesäuberter Küche zurück ins Wohnzimmer kam, schien etwas anders als vorher. Sie setzte sich wieder zu ihrem Wein aufs beige Sofa. Dieses Sofa liebte sie. Es harmonierte so vollkommen mit ihren lachsrosa Vorhängen und der zartgelben Tapete.

Mit dem ersten Schluck Espresso sah sie es auf einmal – die Tapete hatte an einer bestimmten Stelle eine Art… Paisleymuster. Was war das denn? Ein kalter Schreck fuhr ihr in den Solarplexus – war das Schmutz? Hatte sie mit etwas nicht aufgepasst?
Als sie genau hinsah, verschwand es. Strange!

Sie sah in ihren Kaffee und nahm ihre Wand aus den Augenwinkeln wahr – da war es wieder: Eine Art Paisley- oder… Fraktal-Muster? Jedenfalls bewegte sich etwas dort in Mustern.
Als sie hinsah: alles normal.

Spontan dachte Kira: „Ich bin eben urlaubsreif.“, trank ihren Espresso mit Genuss in einem Schluck aus und schloss die Augen. Richtige Entspannung wollte sich dennoch nicht einstellen, trotz Dinnernarkose. Im Gegenteil, das Gefühl im Solarplexus war noch da, aber… anders. Er kribbelte, britzelte. Wie eine Mischung aus leichtem Verliebtsein und Aufregung, als hätte sie einen Bungee-Sprung vor sich. Seltsam. Sie hielt ihre Augen sicherheitshalber geschlossen. Dafür hatte sie kurze Zeit später den Eindruck, als spräche die Musik zu ihr. Und käme über den Teppichboden näher. Das faszinierte sie nun doch. Sie öffnete die Augen. Um die Boxen herum war nur noch leichter Rauch oder Nebel zu sehen.

Als Kira allerdings wieder zur Tapete sah, staunte sie nicht schlecht.

Das Paisley-Muster hatte sich fast vollständig ausgebreitet, aber andere Farben angenommen. Im Moment hauptsächlich grün. Waldgrün. Sie sah Moos auf ihrer Tapete! Das sich kontinuierlich bewegte und neu formierte. Kira kicherte. Darauf reagierte das Moos: es entstanden nun alle möglichen Farben. Neon dominierte: Leuchtorange, feuerrot, violett, zitronengelb, grasgrün.
Kira war begeistert.

„Mitochondrien“, dachte sie auf einmal. „Sehen so nicht Zellen im Inneren aus? Die Essenz des Lebens. Neon! Ich brauche mehr Neon in meinem Leben!“ Ihr fiel ein, dass sie noch Partygläser in diesen Farben hatte. So wie ihre durchsichtigen Wassergläser von Ikea, mit den geschliffenen Seiten – nur eben farbig. Wo waren die nochmal?

Sie stand auf und wollte in die Küche gehen.

Aber das gestaltete sich nicht so einfach – Einaudi hatte inzwischen seine kleinen Noten überall in ihr Wohnzimmer entlassen, die sich auf und in ihrem Teppich zum Takt der Musik elastisch wiegten und bewegten. Eines wusste sie – das brächte ihr und der Welt großes Unglück, würde sie eines dieser Tierchen zertreten.

„Notentierchen.“, sagte Kira laut und musste wieder kichern.

Die Tapete nahm daraufhin mehrheitlich den Farbton Blutorange an. Und bewegte sich mit den Tierchen zusammen im gleichen Rhythmus. Kira fand das sehr schön. Und auch harmonisch. Das Kribbeln in ihrem Bauch dehnte sich jetzt aus bis zu ihrem Schoss. Nach Fliegen war ihr zumute. Oder Schweben. Jedenfalls fühlte sie sich eins mit all diesem elastischen Schwingen in Tönen und Neon.

„Farbton. Tonfarbe.“, sagte sie laut. Zum Ausprobieren.
Das schien sowohl die Tapete, als auch die Tierchen in Begeisterung zu versetzen. Ihre Belohnung war ein Farbgewitter der Tapete. Als sie zu den Boxen sah, wurde ihr ein neonfarbener Regenbogenwasserfall zuteil, in dem die Musik auf den Teppich floss und am Ende die kleinen elastischen Notentierchen entließ.
Kira entfuhr ein ekstatisches „Aaaahhhh…“.

Nun wurden auch die Tierchen bunt. Einige begannen zu schweben. Die Tapete wechselte mit dem Takt ihre Farben. Als würden sich die Boxen, die Noten und die Tapete über ihre Ekstase freuen und davon nachgerade angespornt werden. Für einige Zeit bewegten sie sich alle zusammen wie aus einem Guss. Kiras Zustand dirigierte Bewegung und Farbenspiel, das hatte sie schnell begriffen.

Warum stand sie eigentlich? Richtig, die Partygläser. Mehr Neon!
Sehr vorsichtig ging sie Richtung Küche, damit den Tierchen nichts passierte, die ihr allerdings, langsam und gummiträge, Platz machten. Deutlich schwieriger zu bewältigen war der Wellengangteppich im Flur. Sie fand die Gläser auf Anhieb und nahm sich von jeder Farbe eines: Orange, gelb, violett und grün. Zurück im Wohnzimmer, der Wellengangteppich war passierbar, indem sie strikt auf die Gläser sah, legte sie sich auf den Boden zu den Tierchen und stellte die Gläser vor sich.

„Farben essen“, dachte sie. Und leckte an den Gläsern. Es schmeckte sauer bitzelnd, wie Ascorbinsäure. Sie robbte zur Tapete, die sich im Moment nicht entscheiden konnte, ob sie ein magisches Waldmotiv oder weiterhin mitochondrial sein wollte. Kira leckte wechselweise an beidem. Das war nun irgendwie enttäuschend. Wie Staub. Mit Puderzucker.

„Husch, husch, zurück!“, herrschte sie die Tierchen an und befand, es brauche andere Musik. Sie entschied sich für eine Ambient-Playlist. Was die Tapete zu einer Lavalampenoptik inspirierte.

Kira blieb auf dem – nun tierchenfreien – Teppich liegen und betrachtete die Tapete durch die Gläser.
Das befriedigte sie sehr.
____

 

Kira wurde wach mit einem grauenhaften Geschmack im Mund. Und sie fühlte sich hundeelend. Tieftraurig, fast depressiv. Kalt war ihr auch. Sie realisierte, dass sie nackt in ihrem Badezimmerteppich lag. Umgeben von neonfarbenen Partygläsern. Und Textmarkern.
Mühsam richtete sie sich auf. Sie fühlte sich völlig zerschlagen.
Kaffee musste her. Sofort!

Ihre Kleidung von gestern war nicht hier. Also nahm sie sich ihren Flauschbademantel aus dem Schrank und sah nebenbei in den Spiegel. Dunkle Augenringe. Und neonfarbene Blümchen und Streifen im Gesicht. Kira taumelte verwirrt in die Küche, setzte Kaffee auf und machte das Radio an. Ihr hipper Lieblingssender brachte gerade Nachrichten.

Auf der Suche nach ihrer Kleidung dann der nächste Schock – auf der Tapete im Wohnzimmer stand in Quietschorange:

MehrMitochondriNeON
FarbTonFarbe Essen
Interaktive Tapete

Keine Kleider.
Also zurück in die Küche. Kurz darauf saß sie mit Kaffeebecher und zwei Bananen auf einem Stuhl. Dieser Kaffee war wundervoll lebensrettend!

Kira begann, die Einzelteile der vergangenen Nacht zu sortieren. Das war nicht mehr nur mit Überarbeitung zu erklären. Wie dann? War sie verrückt geworden? Psychotisch?

„… Kurioses aus der Region“, lenkte das Radio sie ab. „Im Nordwesten von München, hauptsächlich in Neuhausen/ Nymphenburg und Moosach, sind heute im Laufe der Nacht mehrere Menschen mit zum Teil heftigen Halluzinationen in den Notaufnahmen der Krankenhäuser erschienen. Scheinbar unfreiwillig auf Drogentrip. Die wenigsten davon waren typische Partypeople. Die Polizei ermittelt noch.“ Man hörte den Moderator förmlich grinsen.

Wenig später klopfte es an ihre Türe. Durch den Spion sah sie zwei Polizisten.
„No way“, dachte Kira, wankte ins Wohnzimmer und sank mit Kaffee aufs Sofa.

„Interaktive Tapete“ zog ihre Aufmerksamkeit an.

Kira grübelte.
____________

 

Am Sonntag, nach viel Schlaf, Magnesium, Walken, diversen facial scrubs und Nachdenken ging es Kira deutlich besser.

In den Abendnachrichten ihres Lieblingssenders hörte sie: „Ah, erinnert ihr euch noch an die Leute, die Freitagnacht mit Hallos in den Notaufnahmen aufschlugen? Schuld war wohl ein Pizzabäcker im Neos’. Allen, die „extra scharf“ bestellt hatten, hat er diesmal versehentlich seine Partymischung kredenzt. Mit MDMA und LSD. Braucht ja auch niemand, sowas.“
Die Moderatoren lachten schallend bis zur Überblendung.

Kira freute sich auf die Woche.

Sie wusste bereits, welchen Großkunden sie auf die Idee einer interaktiven, psychedelischen Farbwechseltapete ansprechen würde.

 

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