Von Florian Erhardt
„Ich habe jemanden getötet“, sagt die junge Frauenstimme.
Ich schlucke. Da ist er, einer der wenigen Sätze, vor dem ich mich seit Jahren fürchte.
„Herr Pfarrer, sind sie noch bei mir?“, kommt mir unsicher durch das Gitternetz entgegen.
Ich ringe um die richtigen Worte. „Möchtest du darüber reden?“
„Haben Sie dafür genug Zeit?“
Langsam fange ich mich wieder „Mein Kind“ – und was ich schemenhaft gegenüber von mir erkennen kann, ist ja wirklich noch fast ein Kind – „wir haben alle Zeit, die du brauchst.“
„Das wage ich zu bezweifeln“, sagt sie kühl.
Tausend Fragen schießen mir durch den Kopf. Vor über 40 Jahren musste ich diese Szene mal nach Protokoll durchspielen, als Übung, seitdem nie wieder. Die Polizei darf ich nicht einschalten, aber ich kann sie dazu bringen, sich selbst zu stellen. Aber vielleicht ist sie ja auch eins von diesen verrückten jungen Dingern, die sich partout weigern Fleisch zu essen. Vielleicht hat sie aus Versehen dieses Gelübde gebrochen und wird allein deshalb von ihrem Gewissen gequält. „Einen Menschen?“, frage ich deshalb also leise.
„Ja.“
Ich höre keine Unsicherheit in ihrer Stimme mehr und schwarze Punkte tanzen vor meinen Augen. Ich versuche zu hoffen, beginne im Stillen für ihre Seele zu beten. Neulich habe ich eine Geschichte über einen Hitler-Attentäter gelesen, der ein nobles Ziel verfolgte und am Ende doch zum Massenmörder werde. Nicht jeder, der einen anderen tötet, ist von reinem Hass oder Habgier getrieben, versuche ich mir einzureden. „Wie ist das passiert?“
„Gegenfrage: Wissen Sie, was OnlyFans ist?“
Ist es hier drin wirklich so warm? „Ich denke nicht.“
„Dann kläre ich sie auf. Eigentlich ist das nur eine Bezahlplattform im Internet. Wer meine Inhalte sehen möchte, kann mich gewissermaßen buchen. Theoretisch könnte ich Musik, Kurzgeschichten oder Kunstwerke von mir verkaufen, aber von mir gibt es sexuelle Dienstleistungen ohne Kontakt. Bilder und sowas.“
Ich versuche, meinen Ekel herunterzuschlucken. „Das ist sündhaftes Verhalten, aber kein Mord.“
„Richtig! Aber wissen Sie, es ist nicht einfach, sich als Studentin über Wasser zu halten!“
Ich denke an meine Studienzeit zurück. Tage am Monatsende, an denen es nur noch hartes Brot mit einer dünnen Schicht Margarine gab. Vater sagte, dass 70 Mark reichen müssen. „Ich verstehe.“
„So viel kommt dabei normalerweise auch nicht raus. Nur für die großen Creatorinnen!“ Ihre Stimme beginnt, sich ein wenig zu überschlagen: „Bis vor drei Monaten hatte ich einen kleinen Kreis von unter 50 Abonnenten, die 3,99 € im Monat abgedrückt haben. Jede Kellnerin verdient an einem guten Abend mehr! Und dafür musste ich meine Kunden zwei Mal im Monat mit Unterwäschebildern versorgen!“
„So wenig bist du dir wert?“, platzt es aus mir heraus.
Ihren Redeschwall stoppt das nicht: „Genau das dachte ich mir auch, Herr Pfarrer! Also wollte ich aufhören!“
„Und warum hast du es nicht getan?“
„Ich wollte eine letzte Sache ausprobieren! Exklusive, direkt auf die Nutzer zugeschnittene Inhalte! Ich liefere exakt wie bestellt und bekomme für jeden Inhalt UNMENGEN an Kohle!“
„Wirklich?“
„Klar! Und die meisten von diesen Fetischtypen sind echt harmlos! Die wohlen nicht mal Nacktbilder haben, sondern einfach ihre komischen Fantasien bedient bekommen. Einer wollte Bilder in Lederjacken haben, ein anderer hat mir Trikots von seinem Lieblingsfußballverein geschickt, die ich für ihn tragen sollte.“ Sie lacht freudlos auf. „Oh Mann, solche Weirdos, aber eher ungefährlich, manchmal können die einem sogar echt leidtun.“
„Verstehe.“
„Tun Sie nicht, aber das ist okay. Sie sind alt.“
Die Aussage trifft mich mehr, als ich zugeben würde. „Zurück zum Thema?“, frage ich zaghaft.
„Ach so, na dann kam der Typ!“
„Welcher Typ?“
„Der, der richtig viel Knete für diese komischen Sachen ausgeben wollte! Am Anfang wollte ich nicht, aber SO VIEL GELD!“ Ihre Stimme überschlägt sich fast. „Zehntausend Euro, damit jemandem vor die Haustür kacke!“ Sie kichert. „Das klingt so albern, aber das hat mein Leben verändert!“
„Offensichtlich zum Negativen.“
„Nein! Doch, schon ein bisschen, die Aufträge wurden anders. Ein bisschen kriminell. Ich wollte aufhören, aber dieser Nervenkitzel! Und das Geld! 50.000 Euro für Ladendiebstahl in einer Tanke, ich musste ihm nur einen Snickers-Riegel als Beweis schicken! 100.000 Euro dafür, dass ich die Notbremse in einem Regionalzug ziehe. Zum Glück konnte ich da flüchten, aber er hätte mir im Falle eines Falles den besten Anwalt besorgt!“
„Warum hast du nicht aufgehört?“
„Haben Sie schon mal so einfach so viel Geld verdient?“
„Nein“ Halte ich auch nicht für erstrebenswert.
Sie sprudelt weiter: „250.000 Euro dafür, dass ich einen Mietwagen von Sixt in der Isar versenke!“
„Das macht dich nicht zur Mörderin.“
„Richtig. Bis letzte Woche sein letztes Angebot kam. Eine Million Euro. Allein dafür, dass ich einen Typen so lange in ein Gespräch verwickle, bis sich die wahren Killer an ihn heranschleichen können!“ Sie öffnet das Gitterfenster. Ihr strahlendes Lächeln bildet einen schier unmöglichen Kontrast zur Kälte in ihren Augen. „Ich denke, es ist kein Problem, wenn Sie sich an mein Gesicht erinnern können“, sagt sie und steht auf.
Die Tür auf meiner Seite ist verbarrikadiert. Taumelnd versuche ich aufzustehen, do—
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