Von Raina Bodyk

 

In barbarischer Lautstärke dringen faschistische Parolen durch die Wände. Fanatische Sprechchöre marschieren mal wieder die Straßen entlang. „Juda verrecke!“

Rachel stöhnt auf. „Schon wieder dieses Gebrüll! Das macht mich noch wahnsinnig.
Übrigens ist mir gerade deine Schwester Lea begegnet. Sie kam gerade aus der Drogerie. Sie zitterte fürchterlich und weinte. Ein paar SA-Leute haben sie wohl beobachtet und ihr mit einer drastischen Strafe gedroht, wenn sie da noch einmal einkaufe, und haben sie als ‚Judensau‘ beschimpft. Sie haben sie fotografiert und in ihre Zentrale einbestellt.“ Rachel stottert fast vor innerem Aufruhr.

Ihr Mann David seufzt schwer. „Ich weiß auch nicht, wie das weitergehen soll. Immer mehr Geschäfte werden geplündert und mit Brettern vernagelt. Aus meinem Kegelclub haben schon fünf Männer ihre Arbeit verloren. Ich bin wohl auch sehr bald dabei. Übrigens, in unserem Stammlokal dürfen wir uns auch nicht mehr blicken lassen. Hausverbot für Juden!“

*

Walter liest gerade im „Stürmer“ und verkündet (Er liebt es, Gelesenes laut zu kommentieren.): „Ich könnte kotzen! Immer der gleiche Bockmist: ‚Die Juden sind an allem schuld, die reinsten Schacherer und Parasiten. Faul und arbeitsscheu.‘ Jetzt, wo Hitler vor ein paar Monaten Reichskanzler geworden ist, will er ja gründlich ‚aufräumen!‘“

„Dabei haben sie keiner Menschenseele etwas getan, im Gegenteil. Der arme David Goldstein von nebenan ist so ein höflicher und anständiger Mann und außerdem der beste Kinderarzt, den ich kenne. Er hat unserem Ottochen schon so oft geholfen.“

„Tja, auf den werden wir ja nun wohl oder übel verzichten müssen.“

Ein Lastwagen donnert an ihrem Haus vorbei, bremst dann scharf. Harsche Männerstimmen. Zugeschlagene Türen.

„Jetzt holen sie wieder jemanden.“

Ilse lugt durch die Gardine: „Wen sie wohl diesmal mitnehmen? So viele sind inzwischen aus unserer Nachbarschaft verschwunden. Wir alle wissen davon und wagen doch nur, durch die zugezogenen Vorhänge zu schauen. Ich schäme mich dafür.“

Ihr Mann tröstet sie: „Ich auch und so manch anderer.“ Beide wissen, warum: Niemand wagt zu protestieren. Zu groß ist das Risiko, bedroht oder gar bestraft zu werden, wenn sie sich dem neuen Regime nicht fügen.

„Walter, du kennst doch den Herrn Friedman, Ottochens Lehrer. Er soll Hitler kritisiert haben. Jetzt hat man ihn entlassen. Man erzählt sich auch, dass Apotheker Martens, der heimlich Medikamente an jüdische Bürger abgegeben hat, vorgestern verhaftet worden ist. Irgendwer muss ihn gemeldet haben.“

Es klingelt an der Haustür. Vor der Tür steht besagter David Goldstein. „Guten Tag, Frau Schweigert. Meine Frau ist am Backen und ihr ist das Mehl ausgegangen. Könnten Sie uns vielleicht aushelfen?“
Ilse späht kurz über seine Schulter nach draußen, zögert einen winzigen Augenblick und ihr entschlüpft ein gemurmeltes: „N-nein, tut mir leid, wir müssen selbst erst wieder welches kaufen.“

David schweigt.

Dann: „Natürlich!“

Er dreht sich um und geht.

Nur dieses eine Wort …

Ilse hat Gewissensbisse.

Sie holt die angebrochene Mehltüte aus dem Schrank.

Stellt sie auf den Tisch.

Zögert.

Stellt sie zurück.

Warum hat sie gelogen? „Ich muss uns doch schützen!“, wimmert sie vor sich hin. Aber besser fühlt sie sich nicht. Ihre Angst und ihre Scham sind einfach zu groß. Wenn sie David in letzter Zeit manchmal draußen begegnet ist, hat sie schnell den Kopf gesenkt und emsig in ihrer Einkaufstasche gewühlt. Oder, wenn es gar nicht anders ging, nur kurz die Hand gehoben.

 

Kurz darauf schellt es erneut. Mit einem unguten Gefühl öffnet Ilse die Tür nur eine Handbreit. Die beiden muskelbepackten Gestalten von der anderen Straßenseite, die sie vorhin schon durch die Gardine beobachtet hat, lassen sich davon nicht beeindrucken. Sie starren sie mit finsteren Blicken an. In bedrohlichem Unterton erkundigen sie sich: „Ihr Nachbar ist Jude. Stimmt’s?! Was wollte er von Ihnen und was haben Sie mit ihm zu schaffen?“

Die herrischen Stimmen jagen Ilse panische Angst ein. „Nichts! Bin ich verhaftet? Er wollte doch nur etwas Mehl ausleihen. Ich habe ihm keins gegeben. Wirklich nicht! Ich habe nichts getan!“

„Nur Verräter lassen sich mit diesen Schmarotzern ein! Seien Sie vorsichtig! Wir behalten Sie im Auge.“

Draußen scheint die Sonne vom strahlendblauen Himmel. Ein Fahrradfahrer klingelt wegen eines unvorsichtigen Fußgängers. Zwei kleine Mädchen prusten vor Lachen. Wie kann alles so normal aussehen? Irgendwie macht es alles noch schlimmer. Als würde selbst die Natur die Menschen belügen.

*

„Rachel, wir müssen weg aus Braunschweig, aus Deutschland. Wir können nicht warten, bis diese braunen Gangster uns abholen. Immer mehr Wohnungen stehen leer. Wer weiß, was sie mit unseren Brüdern und Schwestern machen. Ich bin ganz sicher, dass an meiner Praxis demnächst auch ein Schild hängt, ‚Achtung Jude! Besuch verboten!‘“

Seine Frau atmet tief ein und nickt, nur äußerlich ruhig. Auch ihr ist nur allzu klar, wie gefährlich es im Land geworden ist. Aber sie will es ihrem Mann mit einem Gefühlsausbruch nicht noch schwerer machen. „Dann packe ich mal das Wichtigste ein.“

Seit Tagen haben beide kaum noch geschlafen. Im Kopf des Arztes wirbeln nachts Fluchtwege durcheinander, wechseln sich ab mit kurzen, düsteren Angstträumen.

 

Aus Furcht, noch in dieser Nacht abgeholt zu werden, wendet sich David in seinem für dieses ungewöhnlich kühle Wetter viel zu dünnen Mantel mit einer letzten Bitte an seine Nachbarn.

„Ilse und Walter, wir wollen morgen weg von hier. Es ist einfach zu gefährlich für uns geworden. Wir möchten nun nicht das Risiko eingehen, hier noch in dieser letzten Nacht verhaftet zu werden. Wir müssen nur für ein paar Stunden untertauchen. Könnten Sie uns für ein paar Stunden verstecken? Unter dem Dach oder im Keller, egal.“

Langsam fährt ein Wagen vorbei. David sieht über die Schulter Richtung Auto. Es fährt weiter. Ilse und ihr Mann sehen die Todesangst in den Augen des Arztes.
Ihnen ergeht es nicht anders. Was, wenn sie mit ihm gesehen werden? Allein, dass er hier steht, kann schon Schlimmes bedeuten.

„Nur eine einzige Nacht!“

Die Schweigerts schauen sich schweigend an. Ilse erinnert sich, wie sie ihren Sohn einmal von der Schule abgeholt hat. Herr Goldstein kam gerade vorbei und der Junge, der oft mit ihm Rechnen geübt hat, lief begeistert auf ihn zu.
Sie hat damals gesagt: „Komm, Otto, wir müssen gehen.“ Der Junge hat sie später gefragt; „Warum hast du David nicht Hallo gesagt?“ Sie hat keine Antwort geben können.

 

„Wir bringen euch nicht in Gefahr.“

„Wir können nicht. Wir riskieren unser Leben!“

Stille.

Dann nickt David langsam: „Schon gut.“

Er lächelt höflich und geht. Seine Augen bleiben leer.

Walter schließt behutsam, als wolle er niemanden erschrecken, die Tür.

Durch den Vorhang beobachten er und seine Frau, wie der Nachbar schleppend und mit gebeugtem Rücken die Straße hinunter geht. An der Ecke dreht er sich für einen Augenblick zu ihrem Haus um. Automatisch ducken sich die beiden. Sie ahnen, dieses ‚Schon gut‘ wird sie noch lange verfolgen.

Hätten sie anders handeln können? Anders handeln sollen? Sie müssen doch selbst aufpassen, nicht ins Visier der Braunhemden zu kommen. Dass hieße, Gefängnis oder gar Schlimmeres. Was würde aus ihrem Sohn?

Beide fragen sich stillschweigend, hätten sie ohne Kind anders gehandelt? Sie wissen es nicht, wollen es auch lieber nicht wissen. Haben sie sich schuldig gemacht?
Auch eine verzweifelte Umarmung kann die beiden nicht trösten.

*

Walter ist am nächsten Morgen bereits in der Fabrik, als Ilse von einem Polizisten zum Verhör abgeholt wird. An der Wand der Dienststelle ein Bild des Führers. Der Beamte blättert brummelnd in einer Akte.

„Sie kennen Herrn Goldstein seit acht Jahren?“

„Ja.“

„Sie haben ihn gestern gesehen?“

„Nein.“

„Frau Schweigert?“

Eine Sekunde lang will sie die Wahrheit sagen. Doch die Angst breitet sich in ihrem ganzen Körper aus. Sie kann nicht!

„Nein.“

„Wir haben einen Zeugen! Der Jude war gestern bei Ihnen.“

„Nein.

Motorengeräusch. Bremsen. Eine Tür quietscht. Schritte auf dem Flur. Ilse hält den Atem an, ihr Herz rast,

Die Schritte entfernen sich. Sie atmet weiter.

„Ganz sicher?“

Ilse denkt an die Tüte Äpfel, die David ihnen einmal vor die Tür gestellt hat. Sie zögert einen kurzen Moment, schiebt das Bild weg.

„Ganz sicher!“

„Wo ist er? Sie wissen doch etwas.“

„Nein.“

Der Polizist kratzt mit seinem Bleistift über das vor ihm liegende Papier und macht Notizen. Das Geräusch hört sich in Ilses Ohren an wie eine Anklage. Wo mögen David und Rachel jetzt sein? Haben sie es geschafft? Sind sie fortgeschafft worden?

Es geht endlos so weiter, immer die gleichen Fragen, die gleichen Antworten.

„Wussten Sie eigentlich, dass der gute Herr Goldstein für die SA gearbeitet hat? Er hat die eigenen Leute verraten! So ein Schwein schützen Sie?“

Ilse ängstigt sich, fürchtet, die Befragung nicht länger auszuhalten, zusammenzubrechen. Dass sie nicht mehr lügen kann und bestraft wird, wenn sie von der geplanten Flucht berichtet. Dann steckt die ganze Familie mit drin.

Vielleicht lügt der Beamte ja, wenn er David als Verräter beschimpft. Gibt es überhaupt einen Zeugen? Erfindet er die Beschuldigungen, um ihr eine Falle zu stellen?

Als sie sie endlich am späten Abend gehen lassen, spürt sie, dass nichts mehr so sein wird wie vorher.

Scham, Schuldgefühl, panische Angst werden sie und Walter nicht mehr loslassen. Sie werden beim kleinsten Geräusch im Treppenhaus zusammenzucken. Bei Schritten vor der Wohnungstür, bei Stimmen, die verstummen, wenn sie sich nähern. Sie werden jedem misstrauen. Werden sich fragen, ist dies Lächeln echt, jener Gesichtsausdruck ehrlich?

Trotz allem, der normale Alltag wird weitergehen: Einkaufen, Wäsche waschen, bügeln, Kinder von der Schule abholen, kochen.

Wegsehen …

 

 

V 1, Z 9749