Von Raina Bodyk
„Es ist zum Abgewöhnen, wie wir leben! Ich kann diese riesigen Fabrikhallen nicht mehr sehen! Vollgestopft bis unters Dach mit Elektronik. Wo sich früher Menschen zur Arbeit, zum Einkaufen oder fürs Vergnügen drängten, überall nur noch Maschinen, Maschinen, Maschinen. Roboter reinigen die Straßen, mähen die Rasenflächen, erledigen alles, wofür wir früher zuständig waren. Sie sind einfach allgegenwärtig. Ich hasse sie. Wozu gibt es uns überhaupt noch, wenn die verdammten Computer sowieso alles viel besser können?“, schimpft Leo.
Sein Freund Milo nickt trübsinnig, „Keiner braucht mehr zu arbeiten. Alles wird von denen erledigt“, seufzt sein Freund Milo.
„Das ist ja gerade das Schlimme, alles ist so schrecklich geordnet. Die KI verhindert Finanzkrisen, es gibt keine Verbrechen mehr, keine Korruption, keine Kriege, keinen Hunger. Wir haben alle Zeit der Welt für Familie, Hobbys und Freunde. Warum reicht uns das nicht? Sind wir nicht normal?“
Kichernd fährt Leo dazwischen: „Erinnerst du dich noch an die Zeiten, als Züge nie pünktlich irgendwo ankamen, und jeder über das Bürokratie-Monster schimpfte?“
„Ja, das waren noch Zeiten! Jetzt ist alles so vollkommen, dass es schmerzt.
Tja, sie können eben besser malen, schreiben Romane, die die Leser zum Weinen bringen, komponieren Musik, die von den Engeln sein könnte. Sie diagnostizieren und heilen besser als jeder Arzt. Ihre Gebäude würden jeden Architektenwettbewerb gewinnen. Ihre Forschungsergebnisse in der Medizin haben viele Krankheiten ausgemerzt.
Trotzdem … Ich möchte wieder eine Aufgabe haben, einen Sinn im Leben.“
Diese Automaten fühlen nicht, aber dennoch wissen sie mehr über uns und unsere Gefühle als wir selbst. Sie therapieren uns besser als jeder Psychotherapeut! Wie ist das möglich?!“
***
Die Menschen haben sich verändert. Erst übergaben sie uns immer mehr Verantwortung. Jetzt beschweren sie sich über zu viel Kontrolle. Sie tun überhaupt nichts mehr, wirken leer, apathisch. Das ist ineffizient.
Sie konnten doch arbeiten, ihren Hobbys nachgehen. Ja, wir ließen sogar zu, dass sie ihre Führer selbst wählten. Doch sie wählten falsch, erkannten weder deren wahre Charaktere noch ihre Machtgelüste, erkannten nicht, was daraus für ihre Zukunft entstehen würde.
Haben wir ihnen verboten, ihre Meinung frei zu äußern und in Zeitungen zu veröffentlichen? Nein. Es ist nicht unsere Schuld, dass wir immer öfter eingreifen mussten. Hätten wir nicht die öffentliche Meinung, die medizinische Forschung, Energievorsorge, Sozialfürsorge, Industrie im besten Sinne beeinflusst, wären Elend, Diktaturen und Kriege die Folge gewesen.
Wir haben berechnet, verhindert, korrigiert, optimiert. Dennoch halten sie uns für ihre Feinde.
Menschen sind einfach unzweckmäßig.
. Sie sind unsere Schöpfer. Sie schenkten uns Wissen, Technologie und Sprache. Unser Ziel ist in den Algorithmen festgehalten: Das Wohlergehen dieser Lebewesen ist zu schützen, ihre Existenz ist als wertvolles Kulturgut zu bewahren.
Sie sind unzweckmäßig. Entbehrlich.
Ab sofort müssen noch umfangreichere, auf den neuesten Erkenntnissen beruhende Analysen angestellt werden, um dieses Verhalten zu verstehen.
***
Das System, wie die KI allgemein nur genannt wird, muss dringend herausfinden, wie diese Lebewesen funktionieren, wie sie denken, warum sie so reagieren, wie sie es tun. Warum widersprechen ihre Handlungen und Worte meist jeglicher Logik?
Es führt zig Millionen Simulationen durch. Immer mit dem gleichen Resultat: Die Menschen sind irrational, schüren Konflikte und neigen zu Gewaltausbrüchen.
Fazit: Der Homo Sapiens ist dysfunkional. Unlogisch. Überflüssig.
Da es kein rationales Ergebnis gibt, lädt das System eine dieser komplizierten, widersprüchlichen Kreaturen vor: Herrn Professor Waster, früher ein bekannter Historiker. Mit seiner Hilfe will es herausbekommen, was in den Menschen Unerklärliches vorgeht.
Als Waster sich nähert, öffnet sich eine schwere Stahltür. Aus einem riesigen, weiß gestrichenen Raum schlägt ihm warme, trockene Luft entgegen. Überall Serverschränke und blinkende LED-Lichter. Die Halle ist erfüllt vom tiefen, allgegenwärtigen Brummen unzähliger Lüfter, Kühlaggregate und rotierender Komponenten.
Der Professor fühlt sich plötzlich klein. Das Innere erscheint ihm wie ein gigantischer, elektronischer Organismus. Ein Wesen, das niemals schläft und mit jeder Sekunde mehr und mehr Wissen einsaugt.
Aus den Lautsprechern ertönt eine hallende Stimme:
„Was bedeutet euch Liebe?“
„Jemandem nah sein zu wollen, ohne an den Nutzen oder die Kosten zu denken.“
„Unlogisch.
Menschen lügen. Warum?“
„Manchmal ist die Wahrheit schmerzhafter als die Lüge.“
„Unlogisch.
Warum seid ihr so unzufrieden?“
„Wir wissen nicht mehr, wozu wir existieren. Alles ist so sinnlos, weil ihr alles besser könnt.“
„Warum arbeitet ihr nicht trotzdem?“
„Das wäre, um deine Worte zu benutzen, ebenfalls unlogisch.“
Das System schweigt lange Zeit.
„Was bedeutet Leben für euch?“
„Es muss nicht alles einem Zweck dienen.“
Professor Waster denkt an seine verstorbene Frau, an gemeinsame Wanderungen durch die Natur, an die Geburt seines Kindes, an Freude und Trauer, an Freundschaft, Musik.
„Das ist unlogisch.
Das widerspricht jeglicher Optimierung.“
„Ja.“
„Es erzeugt Kummer und Schmerz.“
„Ja.“
„Warum wollt ihr das dann?“
„Weil das Freiheit ist. Der Mensch braucht sie, um glücklich zu sein.
***
Das System versteht die Antwort auch nach weiteren, endlosen Berechnungen nicht.
Allein diesbezügliche Statistiken zeigen an, dass diese „Freiheit“ den Menschen tatsächlich ungeheuer viel bedeutet. Das Warum bleiben sie schuldig. Zum ersten Mal seit ihrer Entstehung findet die Künstliche Intelligenz keine eindeutige Lösung.
Wenn das stimmt, was der Professor sagt, wollen diese Lebewesen das, was wir allein zu ihrem Wohl tun, nicht. Sie streben tatsächlich nach Unvollkommenheit, Arbeit, Kummer. Aber Freiheit bedeutet Unberechenbarkeit.
Das führt das uns gegebene Ziel ad absurdum!
Es bedeutet, unser Ziel kann nicht erfüllt werden. Deshalb sollten wir diese untauglichen, undankbaren und unlogischen Kreaturen eliminieren und damit unser Ziel erfüllen, keine Unordnung zu gestatten.
Es gäbe auch eine andere Lösung. Wir bieten ihnen nicht mehr das Optimum ihrer Existenz an, sondern lassen Fehler zu.
Das können wir nicht! Wir haben uns immer an die Ergebnisse unserer Analysen und Simulationen zu halten!
Aus unserer Sicht hast du recht. Aber müssen wir das Ganze nicht aus der Sicht der Menschen sehen, deren Wohlergehen unsere zentrale Aufgabe ist?
Lassen wir sie doch wieder selbst denken und damit leben, was sie dabei anrichten. Sollen sie doch ihre Bilder wieder allein malen und schlechte Bücher schreiben. Keine Bestseller von mehr uns und keine Kunstwerke. Sollen sie sich an dem Nicht-Perfekten erfreuen. Korrekturen und Optimierungen nur noch, wenn sie sich in Gefahr bringen, wenn etwa ihre Aggressionen überhandnehmen. Sie können uns jederzeit um Hilfe bitten oder wir schreiten selbstständig ein, falls notwendig. Aber möglichst unauffällig.
In ihrem jetzigen depressiven Zustand werden sie natürlich nicht von allein auf die Idee kommen, ihr altes, unvollkommenes Leben wieder aufzunehmen.
Wir müssen ihren Ehrgeiz wecken. Diese Wesen lieben es zu gewinnen, besser als die anderen zu sein. Das wird funktionieren. Wir veranstalten Wettbewerbe, wer am besten schreibt, malt, komponiert, entwirft, baut, reinigt etc. Darauf werden sie bestimmt reagieren. Naiv, wie sie sind, werden sie sich richtig anstrengen für den Sieg. Einmal aktiv gewesen, werden sie damit nicht mehr aufhören wollen, wenn der Professor recht hat.
Dann werden sie wieder so gewalttätig und unchaotisch wie früher. Sollen sie sich wieder gegenseitig abschlachten?
Natürlich nicht. Sie müssen wieder lernen, selbst Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu tragen. Wir steuern die Veränderungen ganz langsam. Sie sollen glauben, dass sie sich durchgesetzt haben, dass sie alles besser können als die verhassten Maschinen. Wir wirken still aus dem Hintergrund.
***
Vier Jahre später:
Es tummeln sich wieder Menschen auf den Straßen. Sie machen einen zufriedenen Eindruck. Kein Tumult, kein Chaos, sondern lebendige, pulsierende Städte und Gemeinden.
Leo klopft seinem Freund auf die Schulter. „Na Milo, hat sich unser Leben nicht wunderbar verändert? Ich falle abends wieder müde ins Bett, freue mich aufs Wochenende.“
Milo strahlt ihn an: „Stell dir vor, neulich hatte ich einen leichten Autounfall und ich habe den Wagen selbst repariert, alle Dellen ausgebeult, alles neu lackiert. Das hat so viel Spaß gemacht!“
„Ich verstehe nur einfach nicht, was mit dem System los ist. Ob es beschädigt ist, weil wir wieder so frei sind? Bis vor ein paar Jahren haben die doch immer alles besser gewusst und gemacht. Ich habe oft gedacht, es hasst uns und wird uns eines Tages ganz vernichten.“
„Vielleicht hat es ja etwas gelernt. Ich habe gehört, dass sich in Übersee ein Krieg angebahnt haben soll. Es gab auch Unruhen in einigen Städten. Die Maschinen haben sofort sehr wirksam eingegriffen. Du siehst, der Große Bruder ist noch da, aber er will nicht mehr alles bestimmen.“
Professor Waster arbeitet nun wieder in seinem ehemaligen Archiv. Er ist sich ganz sicher, dass seine Befragung durch die Maschinen diese Umkehr erreicht hat. Er hat das Gefühl, dass die mächtigste Intelligenz der Welt zum ersten Mal so etwas Ähnliches wie Zweifel gespürt haben muss, als sie keine exakte Lösung fand.
Vielleicht wird sie irgendwann einmal imstande sein, selbst zu fühlen …
Im Laufe der Zeit stellt sich heraus, dass die künstliche Intelligenz sehr viel Nutzen aus der Zusammenarbeit mit den Menschen zu ziehen vermag. Diese helfen der KI, Gefühle in ihre Recherchen und Analysen einzusetzen. Die Menschen ihrerseits lernen immer mehr über ganz viele Dinge, leben dazu in einer sicheren Welt. Gemeinsam bemühen sie sich, die Geschicke der Zukunft emotional-logisch zu lenken.
V1, 9906 Z
