Von Sabine Rickert
„Schau mich endlich an“, rief der Spiegel.
Seit einer halben Stunde ertrug Ambrosius das Rufen. Er braute gerade einen schwierigen Zauberextrakt. Sein Zauberkessel war verärgert und verweigerte ihm die nötige Hilfe, da der alte Druide sein eigenes Rezept durchgesetzt hatte, ohne auf die Warnung des treuen Kessels zu hören. Die Herstellung erforderte seine volle Konzentration. Er ignorierte weiterhin den Spiegel.
Das Geschrei wurde immer lauter und die Stimme garstiger, sie hatte sich schon um eine Oktave nach oben verschoben. Noch fünf Minuten, dann war sein Gebräu fertig.
Morgen Abend war die große Versammlung der Hexen und Zauberer. In diesem Jahr war Ambrosius der Organisator der Großveranstaltung, außerdem ein Teilnehmer des Zauberextrakt-Wettbewerbes, der traditionell immer auf der Jahresversammlung stattfand. Der Sieger wurde mit einem stattlichen Pokal und einem Wellness-Wochenende in einem Vier-Sterne-Zauber-Spa beglückt. Ambrosius hatte es dringend nötig, eine Auszeit zu nehmen. Seine vierhundertfünfundsiebzig Jahre alten Knochen setzten ihm momentan erheblich zu. Er kam kaum noch auf seinen Flugbesen.
Im letzten Jahr hatte Junghexe Samantha mit ihrem Verjüngungsextrakt gewonnen, eine Schülerin von ihm. Die Expertise besagte, dass der Trank zehn Jahre Wirkung zeigen würde. Er wollte schon so lange den Extrakt ausprobieren, doch er war immer ausverkauft. Bei dem Wettbewerb waren Raffinesse und Langzeitwirkung gefragt. Das diesjährige Thema war „Liebesextrakte“. Die Konkurrenz war groß, viele Mitglieder hatten vor, sich in der Extraktherstellung zu versuchen. Sie rechneten damit, in aller Munde zu sein und dadurch hohe Gewinne zu erzielen. Es gab sogar eine Zauberextrakt-Börse.
Jetzt stapfte er aber erst einmal Richtung Spiegel, der mittlerweile eine Tonhöhe erreicht hatte, die seinen Kater fauchend in die Flucht geschlagen hatte. Außerdem sah das Gesicht des Spiegels aus wie eine wütende, hochrote Fratze, die ihm dann noch die Zunge herausstreckte, als er vor ihm stand.
Ambrosius schaute hinein, und es erschien Adrik auf der Spiegelfläche. Er klagte über Schwierigkeiten mit den Hexen, die sich mit dem Buffetaufbau nicht einig waren. Weiterhin benötigte Einar die Gästeliste und Gabriel Unterlagen für den Wettkampf. Der Spiegel kam gar nicht dazu, seinen Satz zu beenden, so schnell erschien der nächste Beratungssuchende vom Festkomitee.
Es lief ja alles fixer mit dem Spiegel, den ihm Einar für die Organisation geliehen hatte, doch dieses Rufen löste bei Ambrosius migräneartige Kopfschmerzen aus. Die Arbeitserleichterung war wiederum zu befürworten, jegliche Kommunikation fand schnell und störungsfrei statt. Im Zauberkessel, das übliche Kommunikationsmittel der Zauberer- und Hexenwelt, lief es nicht so glatt. Wenn man die Zaubersprüche nicht korrekt und deutlich formulierte, war das Bild oder der Ton im Kessel so miserabel, dass man vieles falsch verstand und das Chaos vorprogrammiert war. Die letzten Versammlungen wurden deshalb oft zum Desaster. In diesem Jahr würde das nicht passieren, das hatte sich das Festkomitee auf die Fahne geschrieben.
Schon wieder rief der Spiegel. Jetzt war es Ecid, der sich ankündigte, das Zaubergebräu in fünfzehn Minuten abzuholen. Dann war die Herstellungszeit abgelaufen. Er sorgte dafür, dass alle Extrakte ordnungsgemäß und pünktlich beim Gremium ankamen, wo sie geprüft wurden, damit morgen auf der Versammlung der Sieger gekürt werden konnte.
Nachdem Ecid gegangen war, bemerkte Ambrosius, wie müde er mittlerweile war. Er zog sich zurück, aber das ließ der Spiegel nicht zu. Der Streit der Hexen uferte aus, und sie riefen alle halbe Stunde Ambrosius um Hilfe.
Er hätte gerne Einar gesprochen, um zu erfahren, wie man diesen Zauberspiegel vorübergehend abstellen konnte, doch zwischen den Magiern gab es ebenfalls Streit. Ecid hatte Einar in einen Floh verwandelt. Dieser Zauber hielt meistens Stunden an. Entweder er flog jetzt so lange um den Block oder er probierte einige Zaubersprüche.
Sein Zauberkessel verweigerte ihm immer noch die nötige Hilfe. Er versuchte es mit diversen Befehlen: „claudere, claudere te …“
Nicht einmal ein schlichtes „Nein“ brachte den Spiegel zum Schweigen.
„Der sollte mal etwas Liebesextrakt trinken, dann kommt er auf andere Gedanken und hört auf, Druiden zu nerven“, rief er wütend.
Kaum hatte er den Satz ausgesprochen, war er schon auf dem Weg zum Spiegel, mit einem kleinen Rest des Extraktes, den er sich zur Seite gestellt hatte, eigentlich für sein eigenes Vergnügen.
„Ich biete dir eine Erfrischung an, du hast ja schon den ganzen Morgen gerufen, da bekommt man ja einen trockenen Hals.“
Der Spiegel schaute irritiert, nahm aber einen Schluck, ohne zu fragen, was ihm da angeboten wurde.
Danach war Ruhe! Absolute Ruhe!
Ambrosius bekam nichts mehr mit, erschöpft schlief er ein. Er verpasste, wie die Schlacht um das Buffet ausging und das Einar sich nach seiner Rückverwandlung auf Ecid stürzte. Beide hinterließen im Versammlungssaal eine Verwüstung. Die Hexen mussten das Buffet wieder neu aufbauen. Alle versuchten Ambrosius zu erreichen und schickten dann „old school“ eine Eule los.
Ambrosius wachte am Morgen der Jahreshauptversammlung ausgeruht und erholt auf. So eine himmlische Nacht hatte er schon lange nicht mehr. Er wunderte sich über Laura, die mit einem Brief im Schnabel vor ihm saß.
Nachdem er den gelesen hatte, lief er eilig zum Spiegel.
Er schaute hinein, doch das Gesicht tauchte nur schemenhaft und schmerzverzerrt auf.
Er schlurfte zum Kessel und redete unterwürfig auf ihn ein, entschuldigte sich bei ihm, dass er ihn übergangen hatte, und flehte den Topf um Hilfe an.
Der bebte, fauchte und qualmte, gab dann aber nach.
„Ich hatte dir gesagt, dass du deine Liebeskräuter Frauen-Feuer und Helden-Kraft nicht mit Digitalis und Cannabis vermischen darfst.
Wenn du Glück hast, erholt er sich wieder, jedoch sind die letale und die wirksame Dosis von Digitalis nahe beieinander. Es erhöht den Herzschlag. Doch wenn er Nebenwirkungen von Cannabis bekommen hat, führen die im schlimmsten Fall ebenfalls zu Herzrasen.“
„Was kann ich tun?“, fragte er unterwürfig.
„Ich braue dir ein Gegengift, wer weiß, wie es dem Gremium ergangen ist. Sind ja alle in deinem Alter.“
Ambrosius verließ sich auf den Kessel und stellte nach dessen genauen Anweisungen den Gegenextrakt her.
Es dauerte, bis Ambrosius den Spiegel störungsfrei sah. Der wandte seine ganze Kraft auf, um zu erscheinen, damit der Zauberer ihm das Gegengift einflößen konnte. Lachend zog er sich dann wieder zurück. „Etwas irritierend“, dachte der Druide.
Ambrosius wurde nervös und versuchte, mit dem Kessel Ecid zu erreichen.
Er hatte Angst um das Gremium.
Die Verbindung wurde immer wieder unterbrochen.
„Ecid, wie … es den Probanden? Mein … hat Nebenwirkungen. Ich habe einen Gegenex … gebraut, falls es jemandem … und Herzrasen bekommt.“
„Ambrosius, wem geht`s schlecht? Warum … du nicht den Spiegel?
Ich darf dir … die Probanden nichts sagen, dass weiß du doch.“
„Dem Spiegel geht … schlecht, der … Extact bekommen. Ich wußte nicht, … zum Schweigen bringen kann.“
„Was ist mit dem Spiegel? Du kannst ihm … irgendetwas geben, der ist hochsensibel. Einar wird wütend werden, wenn ihm etwas passiert.“
„Das … ich nicht“, sagte Ambrosius betroffen. „Bitte schau … dem Gremium ist … zu viel Digitalis und Cannabis drin“, flehte der Zauberer.
„Ich kümmere mich darum, wir sehen uns heute Abend“, schrie Ecid durch den Kessel.
Ambrosius schaute nach dem Spiegel, der sich etwas erholt hatte.
Er entschuldigte sich bei ihm. Er hatte ja nicht geahnt, dass er zu den Hochsensiblen gehörte. Der Spiegel blickte ihn fragend an und meinte: „Wer hat dir den Mist aufgetischt? Ich vertrage nur kein Cannabis, aber der Extrakt verbreitete eine euphorische Stimmung, wie auf Droge. Jetzt, da du mir gebeichtet hast, was und wofür es war, verstehe ich, warum ich nach dem Kotzen so geil war. Wenn du das nächste Mal Ruhe brauchst, dann rede mit mir. Ich lasse dann keine Anfragen mehr durchkommen. Aber mir war es eine Lehre: Ich werde keine Getränke mehr ungeprüft entgegennehmen“, sagte er leicht spitz.
„Du warst immer so wütend, da wollte ich das Problem alleine lösen. Tut mir leid. Jetzt sind wir beide schlauer!“
Ambrosius flog mit gemischten Gefühlen zur Versammlung.
Alle Gremiumsmitgliedern waren wohlauf. Die Stimmung war ausgelassen, und nach dem Essen, das Buffet war erstklassig, wurden die Sieger im Liebesextrakt-Wettbewerb bekannt gegeben.
In diesem Jahr hatte das Gremium zwei Gewinner zu verkünden. Junghexe Samantha hatte ein Potenzmittel entwickelt, das nur eine einmalige Einnahme erforderte. Ambrosius Extrakt hatte eine euphorische, extatische, mitreißende, entflammende, wie auf Droge, himmelhoch jauchzende … Liebeswirkung. Es wurden zweiundvierzig Synonyme vorgelesen. Es gab nur eine Krücke, die bei der Bewertung allerdings nicht negativ zu Buche schlug. Es wurde ein Warnhinweis an den Extrakt gehängt.
>bei Unverträglichkeiten gegen Druiden, nehmen sie Cannabis und schauen sie in den Spiegel<.
Na, die hatten wohl zu viele Liebesextakte geschnüffelt.
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