Von Thomas Friedrich-Hoster

Sie rannte, so schnell sie konnte. Einen Augenblick dachte sie, dass sie dabei war, einen riesigen Fehler zu machen. Aber sie wusste ganz genau, dass es keine Wahl gab.

„Mit dem Rücken an der Wand, sind die Handlungsoptionen begrenzt.“ Das hatte Fred einmal gesagt, kurz bevor er an dieser verdammten Leukämie krepiert war. Einen Freund wie ihn hätte sie gebraucht, damals, als James Drumbo in ihr Leben getreten war.

Zweige schlugen ihr ins Gesicht, als sie sich durch die letzte Buschreihe vor der endlosen Böschung kämpfte, welche die entscheidende Hürde war. Sie hatte in den letzten Wochen trainiert und hoffte, dass sich ihr Training ausgezahlt hatte. Dass sie schneller sein würde als ihr Verfolger.

Ihr Dämon, ihr Schicksal. Es hatte begonnen, kurz nachdem Fred gestorben und die Einsamkeit in der sprachlosen Welt ihres Vaters, den unzähligen Flaschen alkoholischer Getränke und dem Dreck, der sich in der Unordnung der Wohnung verbreitete, zu schrecklich geworden war. Fred hatte sie immer wieder befreit aus ihrem Gefängnis auf dem schmalen Streifen Natur, welcher die Kleinstadt von der Wildnis der Sumpflandschaft des riesigen Stausees trennte. Und mit Fred wäre bestimmt alles nicht passiert.

Sie hastete die Böschung hinauf und hoffte, dass James sie nicht einholen würde, bevor sie den Fuß der Staumauer erreicht hatte. Es wäre ihr Ende. Verzweifelt versuchte sie die Gedanken an das Geschehene zu verdrängen, aber sie waren stärker.

Das erste Mal in ihrem Leben war sie eingeladen worden von Priscilla, einem der beliebtesten Mädchen der Schule. Sie hatte sich oft gefragt, wieso Priscilla das getan hatte und bis zum heutigen Tag keine gute Erklärung dafür gefunden. Dass es keine plötzliche Liebe der Schulschönheit für sie, das schmuddelige Mädchen vom Stadtrand war, hatte sie sich gedacht. Trotzdem hatte sie versucht, sich einzureden, dass wenigstens ein wenig Sympathie im Spiel gewesen war. Und dass Priscilla und die anderen das ewige Kriegsbeil gegen sie begraben hätten. Damals hatte sie sich unendlich über die Einladung gefreut. Ihr schönstes Kleid hatte sie angezogen. Und nach der Party war ihr Leben zerstört gewesen. Und sie war nur noch Dreck. Schmerz durchzuckt sie, als sie daran dachte.

Du musst es schaffen, du wirst es schaffen,“ dachte sie. Gleich musste er aus dem Gebüsch kommen. Sie widerstand dem Impuls ihren Kopf umzudrehen, um zu sehen, wie nahe er ihr inzwischen gekommen war. Es wäre zu gefährlich gewesen. Sie hätte umknicken können, straucheln, stürzen … 

„Sweeety …“ hörte sie seine Stimme und erschauerte. „Sweeety … warte doch auf mich.“

Er war immer noch hinter ihr. Nur noch 30 Meter dachte sie und strengte sich noch mehr an. Hinter ihr kullerten Steine. Er hatte sich auf die Böschung begeben. Sie kannte James Drumbos sportliche Fähigkeiten. Schließlich war er einer der besten Sportler der Schule und Kapitän der Fußballmannschaft. Aber sie hatte trainiert. Sie spürte, wie ihre Beine arbeiteten und sie Meter für Meter näher an die Staumauer brachten. Dann hatte sie es geschafft. Sie drehte sich um. Anscheinend hatte James sich gerade vertreten. Sie hörte ihn laut fluchen. Es war nicht mehr wichtig. Ihre Angst verschwand. Nur wenige Meter trennten sie von der Leiter, die vom Fuß der Staumauer bis hinauf zur Krone führte. Sie bestand aus breiten Eisenstäben, die in den Beton der Mauer eingelassen waren.

Sie griff an die unterste Sprosse und zog sich hoch. Dann hakte sie ihr Bein ein, kletterte hinauf und griff an die nächste Sprosse. 1000 Mal geübt. Jetzt wurde es leichter. Mit stetigen Bewegungen gewann sie an Höhe.

246 Meter dachte sie. 246 Meter klettern ins Leben. Mit der Eintönigkeit des Aufstiegs kehrten ihre Erinnerungen zurück.

Auf der Party waren alle nett zu ihr gewesen. Jungs, die sie normalerweise keines Blickes würdigten, waren zu ihr gekommen, hatten sich unterhalten, mit ihr getanzt. Eine schöne Feier. Priscilla hatte mit ihr angestoßen und gemeint, wie albern es gewesen sei, ständig auf ihr herumzutrampeln. Das solle nie mehr passieren. Wenn es doch wahr gewesen wäre.

Danach war alles komisch geworden. Ihr Kopf hatte nicht mehr mitgespielt. Sie wurde furchtbar müde und der Garten begann zu schwanken. Ihre Gedanken liefen langsamer, die Gesichter der anderen sahen auf einmal schief und krumm aus und ihre Worte klangen dumpf und gedehnt. Und dann stand dieser verdammt gutaussehende James Drumbo vor ihr. Er hatte sie an der Hand genommen und sie war willenlos mit ihm gegangen. In einer dunklen Ecke des riesigen Gartens hatte er begonnen sie zu küssen. Etwas später lag sie mit zerrissenem Kleid auf dem Boden und er lag stöhnend auf ihr. Sie hatte sich gewehrt aber er hatte angefangen auf sie einzuschlagen und ihr sehr weh getan. Irgendwann hatte sie aufgehört sich zu wehren. Als er fertig mit ihr war und von ihr abließ, sah sie, dass noch andere um sie herumstanden. Die Gesichter konnte sie nicht erkennen, denn ihr Kopf machte was er wollte. Bevor sie das Bewusstsein verlor, spürte sie, wie sich ein anderer Junge auf sie legte. Und danach noch einer. Und noch einer.

Sie schaute nach unten. James Drumbo hatte sich auf den Weg gemacht und kletterte hinter ihr her. Sie hatte gewonnen. Eine Welle der Macht brauste durch ihren Körper. Dieser Idiot, dachte sie. Was glaubt er denn, mit mir machen zu können, wenn er mich erreicht hat?

Jetzt war sie in ihrem Element. Sie hatte ihren Peiniger dort, wo sie ihn haben wollte. In ihrem Klettergarten. Nicht in Priscillas Garten, nein, am Abgrund des Staudamms.

Niemand wusste, dass Staudamm und Sumpf, ihr Spielplatz war. Hier hatte sie zusammen mit Fred ihre Kindheit und Jugend verbracht, kannte jeden Baum, jeden Stein und natürlich kannte sie die Staumauer und ihre Leiter. Als sie noch kleiner waren, hatten sie oft hier gespielt, mit verrückten Mutproben versucht, sich gegenseitig zu übertreffen, waren auf der Dammkrone balanciert, obwohl es strengstens verboten war, und irgendwann hatten sie begonnen auf die Leiter zu klettern. Zuerst nur ein paar Meter von unten oder von oben, aber irgendwann hatten sie die ganze Leiter bestiegen.

„Abgrund-Swinger,“ hatte Fred sie genannt. Sie hatten sich vorgestellt von der Dammkrone weit hinaus in den Abgrund zu springen und zu fliegen, soweit es ging. Das hatten sie natürlich nie gemacht, aber in diesem Augenblick musste sie daran denken. Ein wunderbares Gefühl. Sie lehnte sich weit nach hinten und wollte einen lauten Schrei ausstoßen, da hörte sie eine Stimme.

„Was machst du da?“ James klang angespannt. „Bist du lebensmüde. Komm runter und lass uns Spaß haben. Du entkommst mir sowieso nicht.“

Ein Schmerz durchfuhr sie und um ein Haar hätte sie den Halt verloren, als die Erinnerung an ihr Martyrium sie erneut überfiel. „Du entkommst mir sowieso nicht.“ Das hatte er zu ihr gesagt, als er sie wenige Tage nach Priscillas Party getroffen hatte. Er war mit seinem Gesicht ganz nahe zu ihrem gekommen, und sie hatte den Alkohol in seinem Atem gespürt. Das Gift seiner Drohung war in ihren Körper gekrochen und hatte begonnen sie langsam zu zerstören. Seit diesem Tag hatte sie in ständiger Angst vor ihm gelebt. In ihrer Verzweiflung war sie oft am Staudamm gewesen und hatte darüber nachgedacht, zu fliegen und alles hinter sich zu lassen. Aber Fred hatte es ihr verboten und sie hatte es ihm versprochen, bevor er gestorben war. Vor einigen Wochen hatte James begonnen, sie gezielt zu belästigen. Ein letztes Mal war sie zum Staudamm gegangen, hatte balanciert, ans Fliegen gedacht und an Fred, wie er sie immer gewarnt hatte vor der Leiter. Ein Fingerzeig aus dem Jenseits, der ihr aber zeigte, dass sie die Lösung längst in sich trug.  

Der Rand des Staudammes malte sich schwarz gegen den rasch dunkler werdenden Himmel ab. Sie hatte es bald geschafft. 572, 573, 574 zählte sie unbewusst die Sprossen der endlosen Leiter. Nur noch wenige Meter, dann galt es, gut aufzupassen. 578, 579, 580 … es war so weit. Sie schaute die nächste Sprosse genau an. Richtig gezählt. Es war die entscheidende Sprosse. Vorsichtig kletterte sie an der Stufe 581 vorbei, ohne sie zu berühren. Dann hielt sie an. Bis zur Krone waren es noch etwa 40 Meter, aber in den Abgrund waren es 200. Sie hörte James Ächzen.

„Ganz schön tief, James,“ rief sie ihm zu, als er mit verängstigtem Gesicht zu ihr heraufschaute. Der überhebliche James Drumbo hatte die Hosen voll.

„Du blöde Zicke, wenn ich dich …“ stieß er gepresst hervor. „Kletter gefälligst weiter.“

„Nein“ sagte sie sanft. „Ich habe mich fixiert, siehst du? Ich kann hier ewig stehen.“

„Weiter, verdammt. Mach keinen Mist.“

„Hast du Angst? Das ist berechtigt. Deine Kraft wird dir ausgehen, du starker Mann.“

„Was willst du?“

„Weißt du das nicht? Sex am Abgrund. Wir beide, was meinst du?“

„Bist du völlig …“

„Komm James … Sweeety … ich warte auf dich.“

Sie beobachte gespannt, wie sich James mit verzerrtem Gesicht die letzten Sprossen heraufkämpfte.

„Gleich hab ich dich,“ japste er und griff an die Sprosse.

581, dachte sie. Bingo.

Es knirschte leise, als sich der Stahl aus der Betonwand des Staudamms löste. James, der sich mit einem heftigen Zug seiner linken Hand zu ihrem Fußknöchel katapultieren wollte, um diesen mit der rechten Hand zu fassen, kippte nach hinten.

„Guten Flug, James,“ flüsterte sie leise, als ihr Peiniger, sie mit riesigen Augen anstarrend, langsam in der Tiefe verschwand. Sein Schrei verwehte im Wind und nahm die Last von ihren Schultern. Es war vorbei.

Melissa stieg langsam die letzten Sprossen der Leiter hinauf und überwand die Dammkrone. Ein letztes Mal blickte sie in den Abgrund. Sie spürte, wie er immer weniger Sog auf sie ausübte und mit jeder Sekunde an Bedeutung verlor. Mit jedem Atemzug, den sie machte, lösten sich die Dämonen ihrer Vergangenheit in Luft auf und verschwanden im Nachthimmel. Sie war endlich frei.