Von Daniela Seitz

Er erlebte Geld in seiner Kindheit als eine Zahl, der keinerlei Sicherheit gegeben ist. Das unheilvolle Rechnen seiner Mutter am Küchentisch schwebte Monat für Monat über der fünfköpfigen Familie. Wie ein wabernder Schleier, der sich zu einem Damoklesschwert manifestierte. Alles wurde schwer. Das Reden, das Schweigen, das Miteinander in Verbindung treten. Und immer fiel der alles entscheidende Satz:

„Es reicht diesen Monat gerade so.“

Die Familie war stabil. Die Eltern glücklich verheiratet. Die drei Brüder verstanden sich untereinander. Die Mutter immer daheim und ehrenamtlich in der Kirche aktiv. Der Vater schwer arbeitend, aber gut verdienend und jeden Abend anwesend. Nur das Dreifamilienhaus machte Ärger. Denn die Geschwister seiner Eltern mussten ausbezahlt werden.

Ein größeres Haustier als ein 60-Liter-Aquarium mit Fischen kam nie ins Haus. Die Jugendherbergen und die Fahrräder der Familie, mit denen man von Jugendherberge zu Jugendherberge fuhr, stärkten die Familieneinheit und schonten den Geldbeutel.

Sie hingegen wurde gefragt, wie ihre Eltern sich ein Reihenhaus, zwei Kinder und Urlaube auf Mallorca leisten konnten, und wusste keine Antwort. Ihre Eltern trugen beide morgens Zeitungen aus. Die Mutter hatte morgens Putzjobs. Der Vater arbeitete und verdiente als Soldat ebenfalls gut, war aber wegen seiner Einsätze manchmal monatelang nicht anwesend.

Dass die Single-Tante die Urlaube der Kinder mitfinanzierte und gleichzeitig nicht alleine in Urlaub fahren musste, von dieser Absprache wusste sie nichts, während sie in den Hotels immer ein Zimmer mit der Tante teilte. Auch hatte die Mutter die Angewohnheit, ihr beim Einkaufen eine Kleinigkeit zu erlauben, und brachte sogar Kleinigkeiten wie eine Pferdehaarspange der Tochter mit, selbst wenn die Mutter alleine einkaufen gegangen war. Des Weiteren legte sich die Mutter einen Familienhund zu, zu dem sie ein inniges Verhältnis aufbaute.

Das Konsummuster der Mutter wiederholte sie. Auch war es selbstverständlich für sie geworden, die „männliche Abwesenheit“ durch die Gesellschaft anderer zu ersetzen. Warum sonst erlebte ihr Vater, dass sie sich als Neunjährige mit in das Körbchen des Hundes gelegt hatte und dort mit dem Hund kuschelte? Und warum sonst gingen die Nachbarn und Freunde der Familie täglich bei der Mutter ein und aus? Was ihr Bruder als ein Bilderbuchleben der Mutter bezeichnete. Warum sonst durfte sie jeden jederzeit einladen, ohne sich begrenzen zu müssen? Trotzdem war Konsum nicht ihr Wert. Sondern ein Kompensationsverhalten bei Einsamkeit.

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Er und sie lernten sich online kennen.

Er sah das Potenzial in ihr, aber nicht sie.

Sie dachte, er sei konfliktfähig, und übersah, dass er ein Ja-Sager war.

Sie teilte jeden Gedanken, ohne zu wissen, wie viel Respekt man durch komplette Offenheit verliert.

Er versteckte sich und trug alle Konflikte mit sich selbst aus. Konnte mit jedem über seine Ängste reden, solange derjenige nicht die Rolle der Partnerin bekleidete.

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Drei Tage vor dem Kita-Kindergeburtstag:

„Wo ist deine Trinkflasche?“, fragt mich meine Mutter.

„Weiß ich nicht.“, antworte ich.

„Marleen hat die Flasche versteckt. „Hier ist sie!“, ruft meine Freundin und bringt meiner Mutter die Flasche, die ich vor ihr versteckt habe.

„Warum machst du das, Marleen?“, fragt mich meine Mutter.

Ich antworte nicht. Doch meine Mutter wird ungeduldig und wiederholt die Frage sehr laut.

„Ich bekomme Ohrenschmerzen, wenn du so laut bist.“, fange ich an zu weinen.

„Entschuldige, Marleen. „Sag mir bitte, warum du die Flasche versteckst“, bittet meine Mutter leiser und beugt sich zu mir runter.

„Ich bin sauer, weil du Lilli nicht zu meinem Geburtstag eingeladen hast!“

„Du hast nicht gesagt, dass du sie einladen möchtest. Dann laden wir sie eben noch zusätzlich ein“, gibt meine Mama nach.

 

Eine Stunde vor dem Kita-Kindergeburtstag:

„Warum müssen wir zwei Hüpfburgen für neun Kinder aufblasen?“, höre ich Papa meine Mama fragen, als er die zweite Hüpfburg aufblasen soll. Die erste Hüpfburg hat sie aufgeblasen.

„Weil es kleine Hüpfburgen sind und in die eine nur zwei Kinder auf einmal reinpassen“, antwortet meine Mama und rennt beschäftigt hin und her, um einen Steckenpferdparcours im Garten aufzubauen.

„Und warum mussten es neun Kinder sein?“, fragt mein Papa weiter.

„Zwei sind von meiner Freundin, die nur heute konnte, und Lilly wurde noch nachgeladen. Ansonsten wären es fünf Kinder und Marleen gewesen“, antwortet meine Mutter zerstreut.

„Du bist echt maßlos, weißt du das?“, schimpft mein Vater.

„Bitte was?“, fragt meine Mutter und bleibt stehen.

„Wir hatten gesagt, wenn sie fünf wird, beschränken wir uns auf fünf Gäste.“

„Wann haben wir das gesagt?“

Ein Streit bricht los.

 

Während dem Kita-Kindergeburtstag:

Simon lässt mich nicht in die Hüpfburg. Dabei ist Simon mein bester Freund. Ich laufe zu meiner Mama.

„Dann musst du Simon sagen, wie du dich fühlst, wenn er dich nicht mitspielen lässt. Du weißt doch, Marleen. So funktioniert die Giraffensprache.“

Ja, und Giraffen sind meine Lieblingstiere. Auch liest meine Mutter mir immer die Geschichten von Gustav Giraffe vor, damit ich die Giraffensprache lerne.

Aber wie soll ich das machen, frage ich mich, während ich wieder zu Simon laufe.

„Simon, ich rede jetzt in Giraffensprache mit dir …“, wiederhole ich die Worte meiner Mama.

 

Während des Kindergeburtstags mit der Familie:

„Ja, eine rosa Toniebox und Toonies. „Danke, Oma und Opa“, rufe ich, während ich mein Geschenk auspacke.

„Freust du dich?“, fragt mich meine Oma.

Gleichzeitig zählt mein Opa meine Toniefiguren, die ich von meinen Freunden bekommen habe.

„Sind 10 Toonies nicht sehr viel?“, fragt Opa meine Mama.

„Es waren schon vier Tonies bei eurer Toonibox als Starterset dabei“, erklärt meine Mama.

„Und ihr braucht zwei Hüpfburgen?“, wiederholt Oma Papas Frage an Mama.

„Ja!“

Mehr sagt meine Mama nicht.

Die Stimmung ist irgendwie eisig. Also starte ich ein Ablenkungsmanöver.

„Kommt mit, Oma und Opa, ich zeige euch meine Show.“

Ich schnappe mir mein Kasperletheater und nehme aus der Gartenkiste Dinge wie Springseile, Laufstelzen und Minigolfschläger. Damit zusammen erschaffe ich eine wundersame Welt für Kasper und Sepp.

„… und wie hoch kannst du springen, Sepp?“, lasse ich Kasper sprechen.

„Dreimal höher als…“, beginnt Sepp zu antworten, da lenkt mich Oma ab.

„Also, wenn wir damals nur diese Kiste mit Spielsachen gehabt hätten, dann hätten wir dreimal mehr gehabt, als wir gebraucht hätten.“

„… du, Kasper. Denn ich gewinne!“, setzte ich mein Spiel fort.

 

Nach dem Kindergeburtstag mit der Familie:

Meine Mama ist wieder laut. Obwohl ich mir die Ohren zuhalte, bekomme ich im Nebenzimmer noch einige Sätze mit.

„Du und deine Eltern könnt es einfach nicht sein lassen. Ihr geht gemeinsam gegen mich vor und das vor Marleen.“

„Es geht darum, dass sie wertschätzen soll, was sie hat. Warum machst du da ein Drama draus?“

Mein Vater ist leise in seiner Antwort. Daher traue ich mich, die Hände runterzunehmen.

„ICH MACHE DAS DRAMA?“, schrillt die Antwort meiner Mutter durchs ganze Haus.

Ich schnappe mir die Toni-Box und stelle sie so laut ich kann, während ich mich ins Badezimmer verziehe und einen letzten Satz meiner Mutter mitbekomme.

„Wenn du das glaubst, dann brauchen wir wohl eine Paartherapie.“

 

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Mama bringt mich ins Bett und liest mir eine Gute-Nacht-Geschichte vor. Aber ich kann nicht zuhören. Stattdessen unterbreche ich Mama in der Geschichte.

„Trennen du und Papa euch jetzt?“

Meine Mama überlegt lange, bevor sie antwortet.

„Papa und auch ich haben beide Schwierigkeiten mit der Giraffensprache. Deshalb gehen wir zu einem Gefühlsdoktor, der sich um unsere Gefühle kümmert.“

„Und müssen Oma und Opa auch zum Gefühldoktor?“

„Wie kommst du darauf?“

„Na, Oma sagt dasselbe wie Papa.“

„Das ist etwas zwischen mir und deinem Papa. Aber meiner Meinung nach haben Oma und Opa die Giraffensprache nie kennen gelernt. Das ist leider so. Viele Menschen können nur die Wolfssprache. Deshalb ist es mir so wichtig, dass du die Giraffensprache lernst. So verletzt du andere nicht und kannst trotzdem ansprechen, was dir auf der Seele liegt.“

„Bist du verletzt, Mama?“

„Ja und nein. Aber weil ich mich versucht habe, vor Verletzungen zu schützen, habe ich eine Mauer hochgezogen und das, was Oma, Opa und Papa mir sagen wollten, kam durch diese Mauer nicht durch. Deshalb streiten Papa und ich.“

„Hat das der Gefühlsdoktor gesagt?“

Mama lacht. Ich mag es, wenn Mama lacht.

„Merk dir einfach, dass die Wolfssprache wegen ihrer Gewalt Mauern erbaut und dann Missverständnisse entstehen. Bleib bei der Giraffensprache, damit keine Mauern hochgezogen werden.“

„Ja, als ich Simon sagte, dass ich mich ausgeschlossen fühle, weil ich nicht in die Hüpfburg kann, hat er mich reingelassen“, erzähle ich stolz und aufgeregt.

„Das hast du gut gemacht!“, freut sich meine Mama mit mir und streichelt meinen Kopf.

„Und soll ich dir ein Geheimnis verraten?“

„Sehr gerne!“

„Ich flüstere es dir ins Ohr. Aber du sagst es keinem. Auch nicht Papa.“

„Versprochen!“

Meine Mutter beugt sich vor und ich flüstere. Wegen Simon.

Mama lacht wieder.

„Und wer weiß das noch?“

„Nur du und ich!“

V1 9086 Zeichen ohne Anmerkung

Anmerkung: Man stelle sich zwei Tanks vor, die durch ein Rohr miteinander verbunden sind, und vergleiche Gefühle mit Wasser und Wasserdruck innerhalb der Tanks. Wenn der Wasserdruck sich verändert, fließt das Wasser durch das Rohr in den anderen Tank und beeinflusst diesen Tank. Die grundsätzliche Spielregel in Beziehungen lautet dabei: Was der eine an Gefühlen unterdrückt, wird vom anderen (zum Beispiel auch durch Lautstärke) ausgedrückt.