Von Simone Tröger
Es war ein Morgen wie fast jeder Montag-Morgen in der letzten Zeit. An diesem 24. April 2023 ging ich in Gedanken die Verhandlung meiner Scheidung durch, wie sie vor Gericht ablaufen könnte.
Eine selbstbewusste alleinerziehende Mama zu werden, war mein Wunsch!
Mein Noch-Ehemann wollte keine Scheidung. Er hatte nicht die Einsicht, dass es auf diese Art für uns drei nicht weiterging. Vor allem verbal wurde ich von ihm mehr und mehr gedemütigt und nicht mehr respektiert. Die Japaner benutzen für die Wertschätzung eines Menschen die Endung
„-san“. Seine „Antonia-san“ war ich also nicht mehr. Nicht nur, weil er kein Japaner war. Mal war ich ein Vierbeiner auf der Weide, der „Muh-Laute“ hören ließ. Ein anderes Mal war ich ein grunzendes Tier im Stall. Ganz zu schweigen von der Kreatur mit Hörnern, die unter der Erde lebte. Gelegentlich, wenn ich oder etwas im Weg war, setzte es Hiebe, oder es krachte etwas um. Um die Wohnungseinrichtung bangte ich genauso wie um mich selbst.
Andererseits konnte Jan, mein Mann, sehr nett sein, und er war unserer Tochter Corrie ein wunderbarer Vater. Höflichkeit, Zuvorkommendes Behandeln von anderen Menschen als mich selbst und alle Attribute, die „ein guter Mensch“ beinhaltete, wurden überall bewundert.
Für mich war jedoch klar, und es war einleuchtend: die einzige Möglichkeit, weiter zu existieren und mich selbst nicht zu verlieren, war die Scheidung. Nicht nur eine räumliche Trennung. Das Sorgerecht für Corrie teilten wir uns beide. Er liebte seine Tochter, wie ich sie liebte. Dagegen hatte ich also nichts. Das wusste mein Anwalt. Dieser wollte auch von unsrem Zusammenleben zu Zweit und unserer Kennlern-Phase wissen. Ganz „klassisch“ lernte ich Jan zur Disco kennen. Er kannte eine meiner Freundinnen. So kamen wir uns näher, tanzten den ganzen Abend. Verabredet haben wir uns gelegentlich, dann immer öfter. Alles, was zu einer Beziehung dazugehörte, nahm seinen Lauf. Es war DER Mann für mich! Wir sahen das Frida-Kahlo-Museum nicht nur einmal, und auf der Großen Mauer spazierten wir Hand-in-Hand in den Sonnenuntergang. Regelmäßig dufteten Blumen auf dem Tisch. Der indische Koch wurde unser Freund. Mit meinen 25 Jahren hatte ich sowas noch nie erlebt. Seinen Heiratsantrag, umringt von in die Hände klatschenden Besuchern, auf dem Empire-State-Building nahm ich sowas von gern an! Unser beider Kinderwunsch erfüllte sich rasch. Corrie war unser allerliebster Schatz. Jedoch veränderte ihre Geburt unser friedvolles Dasein. Die Blumen welkten. Der Inder musste auf zwei seiner Gäste verzichten, und das Opernhaus in Mailand stürzte ein. All das rechnete ich unsrer permanenten Erschöpfung zu. Jans destruktives Verhalten in jeder Hinsicht jedoch nicht. Drei Jahre Ehe waren nun am Ende. Vielleicht hatten wir zu schnell „Ja“ gesagt? Vielleicht war es Mode, zu heiraten? Vielleicht ein Wettbewerb, welche unter uns Freundinnen zuerst verheiratet war? Liebe – so weiß ich mit nahezu 30 Jahren – war am wenigsten dabei. Sehr erschüttert war ich nicht. Ein Erdbeben setzte mehr in Bewegung.
An diesem gedankenvollen sonnigen Frühlings- fast schon Sommer-Morgen frühstückte ich mit der inzwischen fast 4jährigen Corrie, richtete ihr Vesper für den Kindergarten. Sie freute sich immer auf die Gemeinschaft mit den anderen Kleinen. Glücklicherweise kam ich so mit meinem Flitzer immer pünktlich zur Arbeit einer Elektroinstallationsfirma, wo ich für die Buchhaltung zuständig war. Eigentlich bezeichnete ich mich selbst als Mädchen für fast alles.
Die Grübelei über mein Verhalten ging weiter. Eventuell wäre eine Paarberatung vernünftiger? Nein, ich hatte mich doch längst entschieden!
Polter, Stürz, Krach. Das Auto überschlug sich und landete nicht wieder auf der Straße. Dann war es still.
Die Augen und Hände konnte ich öffnen. Beim Versuch, den Gurt zu bedienen, knackte es in meinen Lendenwirbeln. Mein Hilfeschrei hörte sich an, wie eine Rede unter Wasser. Also musste ich es allein hier raus schaffen. Ah, hier hinüber die Beine, dann müsste ich die Tür aufdrücken können… Beine, wo sind meine Beine? Mein Blick ging an meinem Körper herab. Sie waren doch hier. Alle beide. Etwas blutverschmiert war die Hose, aber hier, begann ich, ohne Worte zu zählen, eins, zwei. Da sind sie doch! Seht mal, was ich alles mit den Beinen machen kann!
Nichts konnte ich damit machen.
Dann wurde die eingeklemmte Tür aufgerissen. Oder abgerissen? Meine Beine! Die Beine!
Erst im Krankenhaus kam ich wieder zu mir. „Frau Hüller, wackeln Sie mit ihren Füßen!“. Weil ich die Schwestern nicht damit schlagen wollte, hob ich ein Bein behutsam an. Dass hieß, in meinem Inneren hob ich mit diesem Bein ein 500-kg-Gewicht. Das ließ sich nämlich genau so gut bewegen.
„Frau Hüller, haben Sie Geduld! Versuchen Sie das immer wieder! Das geht nicht sofort nach einer OP.“
Operation?
Die Tür öffnete sich, und Jan trat ein. Wer er war, wusste ich, aber alles erschien mir, irgendjemand hatte mit zu viel Aquarellfarbe und noch mehr Wasser experimentiert. Er nahm meine Hand in seine. Strich mir sacht über den verwundeten Arm. „Mein Schatz, mein Schatz, was machst du nur für Sachen?“ Für den Moment erschien mir sein Tonfall so wohltuend.
Im Laufe der nächsten Wochen und Monate taten er, die Ärzte, Schwestern, Pfleger und Physiotherapeuten alles, um meiner Tochter die Mama zurückzugeben, die sie gewöhnt war.
Der Tag der Entlassung kam nach circa 8 Monaten. Jedoch nicht auf zwei Beinen, sondern auf zwei Rädern. Corrie kannte mich nicht mehr, denn sie war niemals zuvor mit im Krankenhaus – was ich verstand. Dieses teilweise Elend musste kein kleines Kind sehen. Beruhigt war ich aber, dass sich Jan hingebungsvoll um sie kümmerte, es mit seinem Beruf vereinbaren konnte. Mein Mann und mein Kind waren die wichtigsten Bezugspersonen füreinander geworden. So dass meine innere Stimme fragte, ob ich mich jetzt noch scheiden lassen konnte. Was die Stimme verneinte.
Unser Leben zu dritt ging in die nächste Runde. Inzwischen über drei Jahre. Die üblen Bezeichnungen für meine Person wurden wieder aufgenommen, verschlimmerten sich. Den Weg versperrte ich nach Jans Auffassung mit dem Rollstuhl noch leichter und vor allem mutwilliger. Und ich gewöhnte mich daran. Genauso wie ich mich daran gewöhnte, dass meine heranwachsende Tochter diese Worte 1:1 übernahm. Vor nicht allzu langer Zeit in ihr Leben wieder eingetreten, ließ ich mich daraus erneut entfernen. Nach all der Zeit fühlte ich mich klein und unbedeutend, dass eine mögliche Scheidung nur noch in meinen ständig kreisenden Überlegungen möglich war. So bemühte ich meine eigene Stimme, so wie ich sie mir im Jahr 2036 vorstellte, um mir ein anderes Leben zu geben. Es war eine energischere Stimme als die bei der Entlassung aus dem Krankenhaus.
Stimme: „Geh endlich deine eigenen Wege!“
Ich: „Ja, jetzt noch! So wie ich beschaffen bin?“
Stimme: „Wie denn? Du bist doch nicht der einzige Rollstuhlfahrer auf der Welt!“
Ich: „Ich brauche Hilfe bei verschiedenen Dingen…“
Stimme: „Stell dir vor: Hilfe kann man erhalten. Das kennst du doch schon. Dein Pflegedienst ist für dich da!“
Ich: „Und all das, was Jan zusätzlich für mich und Corrie tut?“
Stimme: „DU, bist wichtig.! Sieh einzig dich! Wenn du dein Leben hast, brauchst du nichts zusätzlich!“
Ich: „Ich bin so labil. Ich kann nicht.“
Stimme: „Jetzt sind wir wieder da, wo wir waren – WARNING!!! Der Mann macht dich kaputt!“
Ich: „Mittlerweile ist mir das egal.“
Stimme: „Du spinnst. Du glaubst auch noch an die eingeredeten Unzulänglichkeiten!“
Ich; „Er meint, ich müsste ihm ewig dankbar sein, dass er das Zusammenleben mit mir auf sich nimmt. Ich glaube, er ist froh über meine Behinderung, weil ich mich jetzt nicht mehr scheiden lassen kann.“
Stimme: „Wir sind immer wieder am Ausgangspunkt, denn DU WIRST KÖNNEN! Glaub auch dir selbst mal etwas – und warte nicht bis 2036! Du wirst sehen, du kriegst viel mehr hin, als du denkst. Corrie wird ebenfalls gern bei dir sein!“
Ich: „Er wird mir das Leben zur Hölle machen.“
Stimme: „Dein Leben ist die Hölle!“
Ich: „Er zieht unsere Tochter weitgehend allein groß. Er war im Krankenhaus für mich da.“
Stimme: „Merkst du denn nicht, zu wem Corrie großgezogen wird? Und für das Dabei-Sein in deiner Genesungsphase ist auf keinen Fall lebenslange Dankbarkeit der Preis!“
Ich: „Vielleicht bin ich wirklich unerträglich?“
Stimme: „Das Gespräch wird immer besser… Hast du nicht auch Freunde, die gern mit dir zusammen sind? Sind die nur deine Freunde, weil sie Mitleid mit dir haben? Warum waren sie vor dem Unfall deine Freunde?!“
Ich: „… die viele Arbeit hier, die viele Arbeit im Büro…“
Stimme: „Ein letztes Mal! Lasse ihn die Arbeit allein machen! Du hast dann deine eigene! Du kannst einkaufen, du kannst kochen, du kannst Wäsche waschen. Für alles, was du nicht kannst, gibt es Hilfe!
Wie lange geht das nun schon? Deine Gebrechen sind nicht dein wahres Leiden! So ein Mensch hat an deiner Seite nichts zu suchen!
WACH AUF!“
Dann hörte ich meist auf, mit mir zu reden. Die Stimme in meinem Kopf, die die Wahrheit sprach, ertrug ich nicht mehr. Sie zeigte mir wie es wirklich war. Bislang wachte ich nicht auf. Doch die Vorstellung, bis 2036 so weiterzumachen, ist eine grausame Vision. All meinen Mut muss ich zusammennehmen, um auch Corrie in die richtige Bahn zu lenken. Ich muss AUFWACHEN!
V1 9312
