Von Franck Sezelli

 

Sie sahen zwar süß aus, die beiden Kätzchen, aber es war recht deutlich zu erkennen, dass sie von einer KI gestaltet waren. Ronald schüttelte innerlich den Kopf, er mochte das nicht. Da lief schon das nächste Reel. Das war wirklich eine süße kleine Miez mit der Katzenmama. Von der Seite näherte sich tolpatschig ein Hundewelpe …

Was war das? Das Display wurde grau und grisselig, der Ton rauschte nur noch. Plötzlich wurde alles wieder klar, aber das Display zeigte kein Movie mehr, sondern es wirkte wie bei einem Videotelefonat. Ein sympathischer Mann, etwas älter als er, schaute ihn fragend an und rief: »Hallo, bist du’s, Ronald?«

Ronald war verblüfft, woher kannte der Mann seinen Namen? Er kannte den Mann nicht, auch wenn er ihm sehr bekannt vorkam. Irgendwie erinnerte er ihn an seinen Onkel  Sebastian, den jüngeren Bruder seines Vaters. Wie ist diese Verbindung zustande gekommen, fragte Ronald sich. Er hat doch nicht angerufen – und mit dem Browser hatte er noch nie telefoniert, wusste gar nicht, dass das geht.

»Wer sind Sie?«, fragte er den Unbekannten.

»Ich bin ich, also ich meine, ich bin du, wenn du verstehst.«

»Nein, ich verstehe gar nichts. Wer sind Sie? Wie heißen Sie? Warum rufen Sie mich an?«

»Ich bin Ronald, ich bin du. Aber zehn Jahre älter.«

Ronald verstand gar nichts und meinte, der Typ wolle ihn veralbern. »Wie, zehn Jahre älter? Und was soll das: ich bin du
»Wirklich! Ich bin hier im Jahr 2036, am 18. September. Also genau zehn Jahre später als bei dir. Und ich bin du! Nur eben in der Zukunft.«

Jetzt war sich Ronald sicher, dass der Typ am Telefon ihn verladen wollte, wie das etwa in der Fernsehsendung Verstehen Sie Spaß passiert. Die Leute haben sich in seinen Internetbrowser gehackt und erzählen ihm nun irgendwelchen Unsinn. Seine genervte Reaktion war: »Alles klar, liebe Leute! Und der Mond ist ein Käse … Ich habe euch durchschaut.«

»Nein, nein, lieber Ronald, also liebes jüngeres Ich. Im Jahr 2036 ist zwar sehr viel schiefgelaufen, aber der technische Fortschritt hat ungeheuerlich viel Neues gebracht. Besonders in die Zukunftsforschung wurde sehr viel investiert – und gerade hat es einen entscheidenden Durchbruch gegeben. Wir können zwar immer noch nicht in die Zukunft sehen, aber wir können uns seit Kurzem in die reale Vergangenheit einklinken.«

Ronald ging jetzt auf die Spinnerei des Telefonpartners ein: »Dann könnt ihr ja von dort aus die Zukunft ändern.«

»Das ist richtig! Und es wirft eine Unmenge von Fragen auf, die zur Zeit heftig diskutiert werden. Das sind vor allem philosophische und ethnische Fragen, aber auch die Physiker müssen ihre Modelle überprüfen. Man denke nur daran, dass man mit Änderungen in der Vergangenheit in das Raum-Zeit-Kontinuum eingreift, wie es in der Relativitätstheorie beschrieben wird. Zum Glück kann man bisher nur eine kurze Zeitspanne zurückschauen und man hat noch keine Möglichkeit, direkt in das vergangene Geschehen einzugreifen.«

Ronald musste das Gehörte erst einmal verdauen. Er beschloss, weiter so zu tun, als ob er den Unsinn von dem angeblich aus der Zukunft zu ihm Sprechenden glauben würde. »Wenn ihr in der Zukunft nicht direkt eingreifen könnt, so könntest doch du zum Beispiel mir sagen, was ich ändern kann. Zumal du behauptest, Ich zu sein.«

»Ja, ja, ich bin wirklich Du, also, ich bin schon Ich, aber eben auch Du. Wir einfachen Leute haben aber zur Zeit noch ganz andere Probleme als über die Vergangenheit nachzudenken. Neben der Angst, dass die Wissenschaftler es nicht schaffen, die immer selbstständiger agierende KI im Zaum zu halten, beschäftigen uns ganz elementare Probleme. Ich zum Beispiel stehe hier in einer Schlange vor einem Immobilienbüro, um Lose für eine klimafreundliche Wohnung zu kaufen.«

»Was meinst du damit? Lose kaufen? Klimafreundliche Wohnung? Mit guten Klimaanlagen?«

»Nein, um Gottes Willen! Nicht mit Klimaanlagen. Die sind verboten. Na ja, nicht ganz, nur auf besondere Genehmigung darf man eine kleine betreiben, aber nur sehr eingeschränkt, stundenweise. Das Zeitfenster bekommt man zugeteilt wie generell den gesamte Energieverbrauch. Der Energiebedarf des Landes war, vor allem wegen der überall erforderlichen Kühlungen nicht mehr zu befriedigen gewesen.«

»Aber was ist dann eine klimafreundliche Wohnung?«

»Du kennst doch das stillgelegte Kali-Bergwerk etwa zwölf Kilometer vor der Stadt Richtung Nauburg? Dort werden unter Tage gute Wohnungen gebaut, denen künftige Hitzeperioden nicht viel anhaben können. Der Ansturm auf diese ist gewaltig. Deswegen wird das Recht auf den Kauf dieser privilegierten Unter-Tage-Appartements verlost. Jedes dritte Los gewinnt. So ein Los kostet schon 10 000 Mark. Ich möchte drei kaufen, um meine Chancen zu erhöhen.«

»Du meinst 10 000 Euro.«

»Nein, nein. Euro gibt es schon lange nicht mehr. Mit dem Zerfall der EU ist auch der Währungsverbund untergegangen und wir haben wieder die Mark. Offiziell heißt die Währung Neumark, um sie von den alten Währungen zu unterscheiden. Aber alle sagen Mark. Egal, ich hoffe, dass wenigstens ein Los gewinnt. Die Wohnung kaufen muss ich dann natürlich auch noch, aber mir genügt ja eine kleine. Wenn du dann zehn Jahre älter bist, hast du es dann gut, wenn du unterirdisch leben kannst.«

»Du redest immer nur von dir und nur einer kleinen Wohnung. Was ist denn mit meiner Freundin Aisha?«

Der Ronald im Display machte ein betroffenes Gesicht. »Ach, das weißt du ja gar nicht. Kannst du ja nicht wissen …«

»Was denn? Was ist mit Aisha?«

»Die ist gestorben, leider. Vor vier Jahren. Hitzeschlag. Sie musste unbedingt los, wollte nicht mehr warten. Das war während der Wasserkrise in der Stadt. Die Trinkwasserversorgung ist nach monatelanger Dürre zusammengebrochen. Und wir hatten in unserem Viertel schon drei Tage keinen Wasserwagen mehr gesehen. Im Stadtzentrum sollte Wasser eingetroffen sein, hieß es. Da ist meine geliebte Aisha trotz der Warnungen, auch von mir, bei 45° C losgelaufen. Und unterwegs dann … Jede Hilfe kam zu spät.«

»Warum hat sie nicht das Auto genommen?«

»Benzin gab es damals auch nicht mehr, schon wochenlang, nur für die Hilfskräfte. Und Fahrradfahren verbot sich wegen der körperlichen Anstrengung bei dieser unmenschlichen Hitze von selbst.«

»Wenn du wirklich Ich bist, dann sind das ja schreckliche Zukunftsaussichten für mich. Kann ich da nicht gegensteuern?«

»Aber natür…« Der Ton brach mitten im Wort ab, das Display wurde grau und wieder grisselig. Dann sah Ronald zwei Eichhörnchen, offensichtlich KI-generiert, um einen Baumstamm jagen.

Genervt und total verwirrt schaltete er die Reels ab. Ihm drehte sich der Kopf. Was war das? Hat er wirklich in die Zukunft geschaut, mit seinem eigenen zukünftigen Ich gesprochen? Eigentlich war er ins Internet gegangen, um die neuesten Nachrichten zu recherchieren. Die blöden Reels hatten sich dazwischengeschaltet, ohne sein Zutun. Ronald schüttelte sich, um nach den News zu suchen. Schließlich wollte er endlich mal auf positivere Gedanken kommen.

 

 

 

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