Von Anka Chilla

Die Gipfeltürme der Lorenzsteine sind schon von Weitem zu sehen. Kalt und dunkel ragen sie aus dem wogenden Blätterdach. Ronno fühlt sich unwohl bei ihrem Anblick. Im Elbsandsteingebirge gibt es viele imposante Felsformationen, warum müssen es ausgerechnet die Lorenzsteine sein? Ob das Zufall ist? In den Therapiestunden der Klinik hat er nie etwas von dem Vorfall damals erzählt. Seine Frau hat ihn zu dieser psychosomatischen Reha überredet, damit er sein Jugendtrauma aufarbeitet. Er soll loslassen lernen, besonders bei den beiden pubertären Töchtern, die er immer maßregelt. Dabei will er sie doch nur vor Dummheiten schützen. Und dieses Trauma existiert schon lange nicht mehr. Niemand wird die gut verheilten Wunden wieder aufreißen. Niemand. Er muss dringend mal raus und hat sich mit zwei anderen Patienten zum therapeutischen Klettern angemeldet. Obwohl für ihn feststeht, dass er nicht klettern wird. Nur wandern, um sich Luft zu verschaffen.

Erik, der Kletterführer, weicht vom Hauptweg ab und führt die kleine Gruppe auf einen Trampelpfad. Er schleppt den riesigen Rucksack mit der Ausrüstung und stapft langsam und gebückt bergan. Helm und Kletterschuhe baumeln außen an Karabinerhaken und tanzen bei jedem Schritt hin und her. Ronno und die beiden Frauen Mona und Suse tragen ebenfalls einen Tagesrucksack mit Helm, Schuhen und Verpflegung. Sie laufen im Gänsemarsch, niemand spricht, man hört nur ihr Schnaufen und hin und wieder einen trockenen Zweig knacken. Nach knapp sechzig Minuten sind sie am Fuße des Großen Lorenzsteins angelangt. Sie lassen die Rucksäcke fallen und plumpsen erschöpft ins Gras. Ein junger Mann kommt auf sie zu und reicht ihnen nacheinander die Hand. „Ich bin Max, ein Kletterkumpel von Erik und werde ihm heute bei der Sicherung helfen. Schon aufgeregt?“

Suse stößt zischend Luft aus. „Und wie! Ich bin fix und fertig vom Aufstieg. Mir tut alles weh.“

„Worauf habe ich mich da nur eingelassen?“, lässt sich Mona vernehmen, die älteste von den Teilnehmern. Sie liegt mit geschlossenen Augen im Gras und ihr Brustkorb hebt und senkt sich heftig.

„Ich bin nur zum Wandern mitgekommen und werde nicht klettern.“ Ronno nimmt einen großen Schluck aus seiner Wasserflasche.

„Na da hast du ja eine lustige Truppe mitgebracht, Erik“, sagt Max und schlägt dem Kumpel freundschaftlich auf die Schulter.

„Ach, das wird schon“, entgegnet dieser und zerrt das Kletterseil aus dem Rucksack. „Ruht euch aus und stärkt euch. In der Zeit gebe ich euch eine kurze Einführung.“

Während er das Seil über Schulter und Ellenbogen neu aufwickelt, erklärt er: „Therapeutisches Klettern stärkt Selbstwert und Selbstvertrauen. Es fördert körperliche Aktivität und den Umgang mit Ängsten und Misserfolg. Deshalb sind wir heute hier. Ich freue mich sehr, dass ihr es versuchen wollt. Keine Bange, Max und ich haben einen sehr leichten Weg für euch ausgewählt. Der ist für Anfänger gut geeignet und nur wenig anspruchsvoller als Treppensteigen. Das schafft ihr alle, auch du, Ronno. Da bin ich mir sicher.“

„Ich schaue nur zu“, antwortet Ronno und macht es sich mit seinem Rucksack bequem. Erik erläutert der Gruppe die Dreipunktregel und zeigt den Teilnehmern, wie man den Sitzgurt richtig anlegt. Es dauert eine Weile, bis sich Mona und Suse erholt haben. Doch dann stehen sie auf, schauen sich die Gurte an und steigen hinein, ähnlich wie man eine Hose anzieht. Als sie auch die Schuhe gewechselt und die Helme aufgesetzt haben, schmunzelt Ronno. Sehr sportlich die Damen! Von Mona weiß er, dass sie ihren Mann verloren hat und zur Trauerbewältigung in der Klinik ist. Suse kämpft mit einem Burnout und ist dauerhaft krankgeschrieben. Respekt, wenn die beiden sich jetzt zum Klettern aufraffen. Ronno schaut hinauf zum Gipfel. Die Sandsteinfelsen erinnern ihn an mahnend erhobene, wulstige Zeigefinger. Er weiß, dort oben gibt es Spalten, Risse, Vorsprünge, Höhlen und Löcher. Alles versteckte Gefahren. Auf keinen Fall geht er mit hinauf!

Als hätte Erik seine Gedanken erraten, sagt er aufmunternd: „Ihr braucht keine Angst zu haben. Niemand kann abstürzen, ihr seid fest im Seil. Es sind nicht mal zwanzig Meter. Ich gehe voran und zeige euch die Griffe und Tritte. Schaut es euch erst mal an!“

In der Zwischenzeit hat auch er die Kletterschuhe angezogen und den Helm aufgesetzt, und Max reicht ihm eine Schlaufe des Kletterseils, die er mit dem Karabiner an seinem Gurt befestigt. Erik hängt sich noch ein paar Gurtschlaufen über die Schulter und tritt an die Felswand. Seine Augen funkeln voller Vorfreude. Max hat das andere Ende des Seils mit einem variablen Knoten an einem Baum befestigt und zieht nun straff. „Kann losgehen“, ruft er. Ruhig und besonnen klettert Erik nach oben, das Seil im Schlepptau und erklärt dabei, wie er die Füße setzt und wo er Griffe für die Hände findet. An einer Felsnase sichert er sich mit einer Gurtschlaufe, klettert die letzten Meter und zieht das Seil durch den Ring auf dem Gipfel. Geschafft.

„Vorsicht Seil!“, ruft er und wirft das Ende wieder herunter. Zischend saust es durch die Luft und landet im Sand. Max bückt sich und knotet eine neue feste Schlaufe hinein. Er winkt damit. „Wer möchte als Nächstes?“

„Ich nicht.“ Mona weicht ängstlich zurück.

Suse hat die Hände vor den Mund geschlagen und flüstert: „Nein, lieber doch nicht.“

Max tritt zwischen die Frauen und legt ihnen die Arme über die Schultern. „Schon vergessen? Es ist fast wie Treppensteigen. Ich helfe euch und gebe Tipps von unten. Erik sichert euch von oben. Es kann nichts passieren. Also los!“

Ronno weiß nicht, welcher Teufel ihn reitet, als er aufsteht und mit fester Stimme sagt: „Ich geh‘ als Nächster.“ Ohne zu zögern schlüpft er in den Gurt und zieht ihn fest. Er passt perfekt. Gedankenfetzen ziehen wie Nebelschwaden durch sein Hirn. Will er den Frauen beweisen, dass er nicht feige ist? Oder muss er sich endlich seinen Erinnerungen stellen? Die Gelegenheit kommt nie wieder. Nur noch die Schuhe wechseln und den Helm aufsetzen. Fertig. Er nimmt Max die Schlaufe aus der Hand, klinkt sie in den Karabinerhaken seines Gurtes und dreht den Verschluss zu.

Max sieht ihn erstaunt an. „Das tust du nicht zum ersten Mal“, stellt er fest.

„Nein“, antwortet Ronno. Sein Körper fühlt sich taub an. Er bewegt sich wie ferngesteuert auf die Felswand zu. All die schrecklichen Bilder sind auf einmal wieder da. Bilder, von denen er glaubte, sie längst vergessen zu haben. Mit der rechten Hand fasst er in das Seil und schüttelt es dreimal. Eine Welle läuft zu Erik nach oben. Das Zeichen. Erik zieht straff.

„Ronno ist im Seil“, ruft Max. „Kann losgehen. Berg heil!“

Jetzt gibt es nur noch den Fels und ihn. Ronno. Er tritt an, schiebt seinen Körper nach oben, tastet nach Griffen und Tritten. Klettert. Ohne nachzudenken. Instinktiv. Erik kommt kaum nach, das Seil einzuholen. Mit diesem Tempo hat er wohl nicht gerechnet. Schon ist Ronno bei der Gurtschlinge, die Erik auf halber Höhe hat hängen lassen. Automatisch löst er sie und hängt sie sich um. Klettert weiter. Zielstrebig. Hört, wie Mona, Suse und Max von unten rufen und ihn anfeuern. Will nach oben. Zum Riss. Genau dort ist es passiert. Damals waren sie Teenager. Er und sein bester Kumpel Ralf. Übermütig. Größenwahnsinnig. Testosterongesteuert. Die Mädels unten – wie jetzt – haben gejohlt und geklatscht. Obwohl sie beide im Kletterverein waren, wollten sie angeben. Wie die Eidechsen sind sie den einfachen Weg ohne Seil hinaufgerannt. Leichtsinnig. Schon erreicht Ronno das Plateau, wo Erik an der Sicherung sitzt. Dieser begrüßt ihn überschwänglich. „Hey, alter Junge, sachte, sachte! Warum hast du nicht gesagt, dass du einer von uns bist?“ Sie klatschen sich ab und Ronno sieht sich suchend um. Prüft den zerklüfteten Gipfel. Dort hinten ist es.

„Ich muss zum Übertritt. Kannst du mich sichern?“

„Klar doch. Moment.“ Erik rutscht um den Sicherungsring herum und ordnet das Seil neu. „Nur zu!“

Aufrecht läuft Ronno auf der Felsplatte bis zum Riss und zieht das Seil hinter sich her. Er schaut hinab in die enge Felsspalte und seine Beine geben nach. Die Knie beginnen zu zittern, er muss sich setzen. Ihm wird schwarz vor Augen. Bodenlose Dunkelheit umgibt ihn. Plötzlich hört er Ralf schreien. So schrill, dass er sich die Ohren zuhalten muss. Es ist dreißig Jahre her. Doch dieser Schrei ist immer noch in seinem Kopf. Er schließt die Augen und presst die Handballen auf die Schläfen. Spürt, dass Erik neben ihm ist und seine Schulter drückt. „Alles in Ordnung?“

Ronno schaut auf. Erik ist am Seil, hat die Sicherung und auch ihn fest in der Hand. Damals sind Ralf und er ohne Sicherung gesprungen. Was für ein Fehler! Nachdem es passiert war, wollte Ronno nie wieder klettern. Das hat er sich geschworen. Er sieht Erik fest in die Augen. „Ich muss da rüber! Hältst du mich?“

„Kein Problem. Es ist ein einfacher Übertritt. Ein Meter fünfzig, mehr nicht.“

„Ich weiß.“ Ronno erhebt sich zitternd. Schaut in den tiefdunklen Abgrund, sieht Ralfs Gesicht dort verschwinden und springt. Fliegt durch die Luft. Ralf ist plötzlich bei ihm, Ronno spürt den Freund dicht neben sich und gemeinsam landen sie sicher auf der anderen Seite des Risses. „Danke!“, hört er Ralfs Stimme und spürt Tränen in den Augen. Er wendet sich um zu Erik und wiederholt es laut und deutlich: „Danke!“

 

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