Von Glädja Skriva
Ich blinzelte in die rötlich-orangen Schattierungen des Sonnenaufgangs, um dann wieder meine Augen zu schließen und dem regelmäßigen Wellenschlag und den Möwen zu lauschen, die von der Freiheit und Weite des Meeres erzählten.
Noch bevor ich die Snooze – Taste des Lichtweckers drücken konnte, schwappte der alltägliche Wahnsinn in mein Paradies. Lauthalses Kindergeschrei und Gezeter überlagerten die Möwenrufe. Ich seufzte und fluchte innerlich, dass ich auf die Garantiegabe der Werbung hereingefallen war, die mir einen sanften Tageseinstieg versprochen hatte.
Ich legte Clärchen, die Jüngste, vorsichtig an meine Brust, während ich gleichzeitig versuchte aus einer Karamalz Flasche zu trinken. Sie sollte nach altem Geheimrezept den Milchfluss anregen. Mich schüttelte es. Sophie hatte sich inzwischen wild schluchzend eng an meine Seite gekuschelt. Die neue Erzieherin in ihrer Gruppe hatte zwar ein Gemüt wie ein Lämmchen, aber leider die Statur eines Goliaths, was auf das zerbrechliche Persönchen von 1,04 m tief furchteinflößend wirkte. Pssst, pssst, wir schaffen das schon. Ich strich ihr über das Köpfchen und sprach leise zu ihr: „Ich gehe heute mit dir in die Kita und Fips (das war ihr Plüsch-Affe und Seelentröster) …“ Weiter kam ich nicht. Svenja, die Zweitälteste, war heute mit dem Weckdienst dran. Sie hatte es inzwischen geschafft, die vier anderen aus dem Bett zu scheuchen. Zwischen Clärchen, das immer noch an meiner Brust schmatzte und Sophie, die immer noch aufgelöst war, versuchte ich das Familienschiff, das wieder einmal ziemliche Schieflage erlitten hatte, sicher aus dem heimischen Hafen zu geleiten.
Stakkatoartig erteilte ich wie ein Kapitän von der Kommandobrücke knappe, klare Anweisungen:
„Tobi, Tobi, nicht den Turnbeutel vergessen. Tobiiiiii, höre auf, Nero am Schwanz zu ziehen. Hast du gehört?!“
Die Katze verschwand, für eine Sekunde freigegeben, in der sicheren Katzenhöhle.
Aus irgendeinem Kinderzimmer wimmerte es. Es war Friederike, die starkes Halsweh und hohes Fieber hatte.
In Sekundenbruchteilen ratterte meine Vormittagsplanung durch meinen Kopf. Zum Glück hatte ich den Putzjob bei Frau Beierle auf unserer Etage angenommen. Wenn sie einen guten Tag hatte, erlaubte sie mir, heute unsere Wohnungstüren offen stehen zu lassen. So konnte ich es hören, falls Friederike nach mir rief oder das Baby schrie. Aber wenn Frau Beierle eines hasste, dann war es Unpünktlichkeit. Ich musste Gas geben …
Jahre später sind alle Kinder aus dem Haus und gehen ihre eigenen Wege. Seltsame Ruhe kehrt ein.
Ich liege am Morgen still in meinem Bett. Mein Herzschlag hat den Rhythmus des Weckertickens angenommen. Tack –- tack –- tack — Die schnatternde Schülerschar ist längst vorbeigezogen. Ich beobachte die Rolladenritzen, durch die sich nach und nach die Sonnenstrahlen schieben. Ich bin froh mit dem zartgelben Anstrich die letzte Düsternis der Möbel aus dem Zimmer gefegt zu haben.
Mein Lieblingsplatz ist auf meinem kleinen Balkon an dem Bistrotisch mit einer Tasse dampfenden Mokka. Ich zünde mir meine erste Zigarette an, inhaliere, lege meinen Kopf in den Nacken und beobachte, wie die Rauchwölkchen zum Himmel tänzeln. Tom hatte in den Wolkengebilden immer Phantasiefiguren gesehen und daraus skurrile Geschichten gebastelt, so, dass ich herzhaft lachen musste. Ich liebte ihn dafür. Ich dagegen war immer die Realitätsbewusste, die Pragmatische gewesen. Sah ich strahlend weiße Schönwetterwölkchen am blitzblauen Himmel, machte ich mir sofort Gedanken, ob ich Clärchen morgens auch ausreichend eingecremt hatte.
Verantwortungsbewusst stecke ich auch jetzt meinen Finger in den Blumentopf, um zu prüfen, ob die Herbstastern in den Kübeln ausreichend Wasser haben. Noch blühen sie in leuchtendem Lila, Pink und Weiß, gruppiert um einen dottergelben Blütenstempel. Die Bienen können sich nicht genug satt essen an der letzten üppigen Mahlzeit vor dem einbrechenden Winter.
Gegen Mittag klingelt Göran. Er blieb bei mir hängen, als sich in unserem kleinen Dorf in Hintertupfingen niemand für die verbindliche Schulkindbetreuung fand. Auch heute nimmt er wieder zwei Stufen auf einmal, während der Schulranzen auf seinem Rücken klappert und der Turnbeutel um seine Beine schlenkert. Ich frage mich jeden Tag neu, wie man nach einem so langen Schultag noch so viel Energie besitzen kann.
„Hi.“
Er wirft sein Handy auf die Konsole und geht dann direkt in das Badezimmer, um seine Hände zu waschen. Mit dem Wasserrauschen setzt sein unaufhaltsamer Redefluss ein. Ich habe es aufgegeben, zu ihm hinein zu rufen, dass ich ihn bei dieser Geräuschkulisse nicht verstehen kann, denn bereits drei Minuten später sitzt er schmatzend, mampfend, schlürfend am Küchentisch. Ich halte mich zurück all die Knigge Regeln über ihm auszuschütten, die ich über meinen Kindern ausgeschüttet hatte. War es nicht genug, dass er die Hände gewaschen und das Handy nicht auf den Tisch gelegt hatte?
Zwischendurch verstehe ich das Wort „Dicker“. Inzwischen weiß ich, dass damit nicht sein rundlicher Sitznachbar gemeint ist und antworte ihm mit einem „`ne“? Wir verstehen uns zwar größtenteils aufgrund der Sprachbarrieren nicht, aber schauen uns dennoch zufrieden an. Wir sind auf einer Augenhöhe.
Als Göran gegangen ist, liegt immer noch der blütenweiße Umschlag ungeöffnet auf dem Tisch mit dem Aufdruck „Labormedizinisches Institut“. Warum soll ich ihn auch öffnen? Soll ich die Laborwerte hinauf- und hinunter rechnen bis meine etwaige Lebenserwartung als Ergebnis ausgespuckt wird? Drei Jahre? Ein Monat? Die Psychologin empfahl mir, einen MBSR Kurs zu belegen, um Achtsamkeit einzuüben und meine Immunkräfte zu stärken. Ich betrachte nun jeden Morgen jedes einzelne Herbstasternblättchen, bewundere seine Maserungen und die Strahlenkränze. Ich bestaune das pochende kleine Herzchen in dem Hinterleib der surrenden Bienen. Aber meine Angst nimmt es mir nicht.
Die Psychologin riet mir daraufhin, einfach einmal weg zu fahren, irgendwohin zu fliegen, um aus dem Hamsterrad und dem Gedankenkarussell auszusteigen. Barbados solle sehr schön sein, um wieder an Leichtigkeit zu gewinnen und mich verwöhnen zu lassen. Täuschte ich mich oder zwinkerte sie mir dabei zu? Ich stellte mir vor, wie sie irgendwo in der Südsee eine lukrative Agentur betrieb für psychologisch begleitete one night stands für medizinische Todeskandidatinnen, die es auf ihrer Löffelliste stehen hatten.
Ich schnappe meine Jacke und gehe zum Cafe um die Ecke. Ingrid ist an der Theke, meine Lieblingsbedienung. Sie schaut mich kurz an und beschließt, dass heute einer dieser doppelten Espresso Tage sei. Kaffeeduft zieht durch den Raum. Ich liebe ihn. In allen Friedhofshallen sollte ein Barista die feinsten Köstlichkeiten rösten. Ich wärme meine schweißkalten Hände an der kleinen Porzellantaste und gehe zu der gegenüberliegenden Parkbank. Im letzten Sonnenspot dieses Tages sitzt ein Penner, der mir bereits öfters aufgefallen ist. Als Einziger der gesamten Clique ist er nie alkoholisiert, liest immer Jerry Cotton Hefte und trägt einen würdevollen grauen Bart, der beinahe bis zu seinem Bauchnabel reicht. Ich quetsche mich neben ihn, so, dass ich noch in der Sonne sitzen kann, aber auch nicht zu nahe an ihn heranrücken muss. Nach einiger Zeit der Stille zwischen uns unterbricht er seine Lektüre und wendet sich mir zu. „Wie geht es dir?“ fragt er. Einfach so, aus heiterem Himmel. Ich schaue auf seinen Mund und warte, dass weitere Worte eilig nachtropfen. Dass er so, wie alle anderen auch, etwas von mir erwartet. Einen Kaffee, ein Brötchen oder Geld. Vielleicht auch einen Jeton für den Waschraum der Bahnhofstoilette. Aber – es bleibt still. Nichts. Ich schnuppere, ob etwa ein Jointgeruch in der Luft liegt und linse danach, ob sich irgendwelche Berge von Flachmännern hinter der Bank aufgetürmt haben. Aber da ist nichts. Außer dieser Frage, die weiter durch die Luft schwebt, wie ein zerknautschter Luftballon, der an Auftrieb verliert.
„Ich hole dir einen Kaffee“, beschließe ich und überlege, wie er ihn wohl am liebsten trinken mag.
Auf dem Weg dorthin brodelt seine Frage in mir weiter. Da drehe ich mich zu ihm um und explodiere: „Es geht dir doch wie allen am Arsch vorbei, wie es mir geht. Soll ich bei dir etwa auch auf Barbados fliegen?“
Ich spüre, wie meine Wut wild an meinen Schläfen pocht und setze hilflos nach:
„Du, du Saftbirne, du.“
Da legt er sein Jerry Cotton Heft zur Seite und sieht mich das erste Mal an mit seinen ruhigen, klaren Augen. Schließlich fängt er an zu nesteln, in einer seiner ausgeblichenen Plastiktüten, die er um sich herum aufgebaut hat bis er schließlich etwas Überdimensionales, neonfarben Knalliges herauszieht. Langsam entfaltet es sich unter seinen abgeschrubbten Nägeln. Es ist eine stylische Aloha Badehose mit einer riesigen Palme über dem Schritt und einem Surfbrett in knalligem Pink über den beiden Pobacken. Fette Sonnenaufgänge legen sich darüber. Die Tante vom Secondhandshop hatte es ihm wohl überlassen, weil sie der Ansicht war, dass das schnell trocknende Material für einen Nichtsesshaften bestens geeignet sei.
„War wohl ein ziemlich heißer Sommer“, befinde ich und griene bis irgendwoher das Lachen in mir hochgurgelt, während er inzwischen versucht mit Bauchtanzbewegungen und wehender Palmhose in seinen ausgelatschten Winterstiefeln an mir vorbei zu tänzeln. Wir prusten los. Immer kindischer und sinnloser und lauter. Es fühlt sich an wie ein Kettenkarussell, das schneller und schneller in Fahrt kommt bis die Welt verschwimmt. Aus dem Augenwinkel ahne ich nur noch Ingrid, die uns den Vogel zeigt und den Kopf schüttelt. Trotzdem gackert es in uns weiter, ohne das Warum und Wieso kennen zu wollen. Bis sie endlich kommen – die Tränen.
Ich wische sie schnell mit dem Handrücken weg und gurgle erstickt: „Willst du überhaupt einen Kaffee?“ Ich meine: „Wie heißt du eigentlich?“
Er räuspert sich: „El-Roi“. Ich heiße „El Roi“, sagt er mit rauer Stimme.
© Glädja Skriva / 10/2026/ 1. Version
