Von Ingo Althöfer

 

Es passierte im Radisson Blu, dem Hamburger Hochhaus-Hotel. In der 22 betraten sie den Fahrstuhl und wollten ins Erdgeschoss. Aber nach dem Einsteigen fuhr der Käfig nur ein paar Meter und stoppte dann abrupt. Einen Moment gewartet, ob es von alleine weiterging. Als das nicht passierte, den Notrufknopf gedrückt – es tat sich wieder nichts. Kein Gong, kein Rückruf. In der Kabine dämmriges Notlicht. Gut, dass sie nur zu zweit waren: Helen, eine toughe Geschäftsfrau, und Manfred in seiner Cordjacke.

Sie machten es sich in gegenüberliegenden Ecken des Käfigs so bequem wie möglich und hofften auf baldige Weiterfahrt. Aber das dauerte. Plötzlich Klopfzeichen. Kamen die aus einem Treppenhaus oder einem anderen Fahrstuhlschacht? Besonders Manfred lauschte konzentriert. Dann fing er an, selbst an die Kabinenwand zu schlagen. Jetzt schien der andere Klopfgeist zu lauschen. Es entwickelte sich ein Klopf-Pingpong. Irgendwann platzte Helen mit einer Frage heraus: „Was machen Sie denn da? Und mit wem klopfen Sie überhaupt?“ Manfred wartete zuerst das Ende der aktuellen Nachricht aus der Wand ab und erklärte dann: „Was Sie hören, ist Santa Fu-Code.“

„Santa Fu?“ „Ja, der Knast in Fuhlsbüttel. Dort kommunizieren Gefangene zwischen den Zellen, indem sie mit Ihren Emaille-Tassen oder Messern an die Gitterstäbe schlagen.“

 

Helen wurde flau. Manfred schien ihre Gedanken zu erraten und beruhigte sie: „Keine Sorge. Ich bin nicht gewalttätig.“ Plötzlich schoss ihr ein anderer Gedanke durch den Kopf: „Was, wenn in dem anderen Fahrstuhl auch ihre beiden Kolleginnen feststeckten?“ Sie hatten in der 22 nur kurz vor Helen einen der anderen Fahrstühle genommen. Manfred funkte die Frage und erhielt wenig später eine Antwort: „Hier sind in der Tat zwei junge Damen in der Kabine. Aber die haben ziemliche Scheu vor mir.“

Ojeh, Anne und Babs steckten also tatsächlich zusammen mit einem Ex-Verbrecher in einer Zelle. Sie bat Manfred, zu funken, dass Helen bei ihm sei und es ihr gut gehe. Was das helfen würde, war natürlich unklar, aber etwas besseres fiel ihr nicht ein. Bald kam eine Nachricht zurück: Auch den beiden Chicks gehe es den Umständen entsprechend gut.

 

Irgendwann bekam die Haustechnik mit, dass zwei Fahrstühle feststeckten. Jedenfalls sprang nach einer halben Ewigkeit die richtige Beleuchtung wieder an und die Kabinen schwebten sanft ins Erdgeschoss. Aus der anderen Schiebetür kamen drei Passagiere: Anne, Babs und der Santa-Fu-Funker, der nicht nur komplett tätowiert war, sondern auch wie eine Kampfmaschine in der 100-kg-Klasse aussah. Aus den Augen von Anna und Babs sprach noch die Angst vor dem Unbekannten.

 

Dann saßen Helen und Manfred im Cafe, und er erzählte über seine Zeit in Santa Fu: „Ich kam unvorbereitet in den Knast, die ersten Tage waren schrecklich. Einzelhaft, nur eine Freistunde (alleine !) pro Tag im Hof, zwei Besuche des Anwalts in der Woche. Schlimm fand ich, dass oft irgendwelche Mitgefangenen an die Gitterstäbe ihrer Zellfenster klopften. Der Klang von Metall auf Metall ging mir nur auf die Nerven.

Als ich das meinem Pflichtanwalt erzählte, war er erstaunt. ‚Wissen Sie denn nicht, dass Santa Fu für diese Klopf-Kommunikation in der Knastszene berühmt ist?‘ ‚Nein, was soll das ein?‘ ‚Im Laufe der Jahrzehnte haben die Gefangenen gelernt, wie man zwischen Zellen kommunizieren kann – unter anderem dadurch, dass man mit seinem Essgeschirr an die Zellenstäbe klopft, und zwar nicht

irgendwie, sondern nach einem bestimmten Code. Ich bringe Ihnen nächstes Mal was mit.‘

Der Anwalt hielt Wort und steckte mir drei Tage später einige eng beschriebene Blätter mit den

Basisregeln des Santa Fu-Codes zu. Das Material verschlang ich, hatte ja auch nichts anderes zu tun. Wegen meiner schnellen Auffassungsgabe konnte ich schon nach drei Tagen mitfunken. Manchmal, wenn ich nachts wach lag, sehnte ich den Morgen und das Klopfen der Mitgefangenen herbei. So, als ob ein Vogelfreund die Morgendämmerung mit dem Gesang der Vögel erwartet. Jeder Insasse hat sein spezielles Anfangssignal, wie eine Kennung beim CB-Funk; die meisten Mitgefangenen erkennt man aber auch am Klang ihres Gitterstabes – wie eine speziell gestimmte Gitarren-Saite.“

 

Helen unterbrach ihn: „Das ist ja echt spannend. Davon hatte ich noch nie gehört. Wie lange waren Sie denn im Knast?“ Manfred zögerte: „Fast fünf Jahre, davon mehr als die Hälfte in Einzelhaft.“ „Und jetzt?“ „Am Ende der Zeit hatte ich Glück, mir wurde ein Job als Taxifahrer hier in Hamburg angeboten. Zuerst stundenweise als Springer, und nach erfolgreicher Probezeit eine reguläre Fahrerstelle. Jetzt bin ich schon im siebten Jahr dabei.“

„Und Ihr Kollege?“ „Ähnlich. Lange in Santa Fu, und nach der Entlassung auch Taxifahrer geworden. In einer fahrgastarmen Nacht am Bahnhof Dammtor merkten wir, dass wir die Begeisterung für den Santa Fu-Code teilen. Der Kollege hatte in seiner Knastzeit sogar ein neues Funkwort erfunden, was in den allgemeinen Santa Fu-Code einging. Das war für ihn wie ein Ritterschlag“ „Und weibliche Gefangene? Funken die auch?“ „Weiß ich nicht wirklich. Im Knast sind Männlein und Weiblein strikt getrennt. Aber ich vermute, Frauen funken anders.“

Jetzt überlegte Helen einen Moment, bevor sie mit einer Frage fortsetzte: „Was hatte Sie und ihr Kollege heute im Radisson zu tun?“ „Wir hatten Fahrgäste für die Vernissage in der 22, irgendwelche Promis. Einer von denen plauderte auf der Fahrt. Weil zu einer Vernissage meist ein Buffet mit Häppchen gehört, guckten der Kollege und ich eine knappe Stunde später selbst hoch – es hat sich gelohnt. Wissen Sie, das ist eine der Grundregeln der Großstadt-Taxifahrer: aufpassen, wo es was zu schmausen gibt.“

Helen unterbrach ihn: „Ich leite übrigens eine Eventagentur. Zufällig genau die, die heute die Vernissage in der 22 organisiert hat. Als wir den Fahrstuhl für den Heimweg betraten, waren Sie zufrieden wegen des guten Happen und ich, weil unsere Veranstaltung insgesamt ein Erfolg war.“ Manfred wurde rot. Aber sie war noch nicht fertig: „Ihre Geschichte mit dem Santa Fu-Code ist soo strange. Ich mache Ihnen ein Angebot. Manchmal werden wir gefragt, ob wir besondere Ideen für ein Unterhaltungsprogramm haben. Könnten Sie zusammen mit Ihrem Kollegen den Santa-Fu-Code anschaulich und mit Anekdoten vorstellen? Ich denke mir das so: Einer von Ihnen ist im Publikum und klopft plötzlich mit einem Messer oder Löffel laut an sein Weinglas – und dann kommt von irgendwo aus der Kulisse eine Klopfantwort. Das ganze ein paar Mal hin und her, bis alle im Publikum aufmerksam geworden sind. Und dann stehen Sie beide mitten im Saal, erzählen von Santa Fu, führen den Basiswortschatz des Codes vor und geben die eine oder andere Erinnerung aus ihrer Knastzeit zum Besten. Ihr Kumpel könnte dabei ruhig auch seine Tätowierungen sehen lassen, damit den Leuten ein kleines bisschen schaurig wird. Erst ganz zum Schluss würde ich als feine Dame kurz andeuten, wie wir uns im Fahrstuhl kennengelernt haben.

Wäre das was? Natürlich nicht als Vollzeitjob, sondern neben dem Taxifahren. Zuerst ein oder zwei Mal auf Probe, und wenn die Nummer gut ankommt, öfters. Für unsere Agentur wäre ein so schräger Akt ein tolles Alleinstellungsmerkmal. Bezahlen würden wir Sie gut, wenn Ihre Show gut ist.“

Jetzt grinste Manfred. Er würde Uwe fragen – und hatte auch schon Ideen für die Show.

 

Die Geschichte ist bis auf die Idee mit dem Santa Fu-Code erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen wären zufällig.

 

 

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